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Diskurs 13.01/5


3. Runde · Eröffnung
Dr. Paul Schulz
"Der befreite Wille ist die eigenständige Entscheidung des Ich-Bewusstseins auf ein konkretes Handlungsziel hin"

1. ATHEODOC Erkenntnis-Duell
Hat der Mensch einen freien Willen?
3. Runde 17. Dezember 2012: Eröffnung




1. Teil:  Individualität und Willensfreiheit

[161] – [164]  Freie Willensentscheidung?

161] Freiheit gibt es nicht. Freiheit ist eine irreführende philosophische Fiktion, ein Hirngespinst der Kopfwelt. Freiheit kommt in der Natur und in der realen Wirklichkeit nicht vor. In der Natur bestehen immer Abhängigkeiten und damit Unfreiheiten. Deshalb gibt es auch in der realen Wirklichkeit keinen freien Willen. Auch für den Willen gibt es immer jede Menge natur- und wirklichkeitsbedingter Abhängigkeiten.

162] Es gibt nur Befreiung. Befreiung meint ein spezielles Herausgenommensein aus vorausgehenden Abhängigkeiten. Deshalb ist der freie Wille nur als Wille zu verstehen, der sich freisetzt aus Konditionierungen, die im Voraus bestanden haben. Insofern ist eine Entscheidung des freien Willens zuallererst ein Hinauswachsen aus dem mechanistischen Willen, ist im Kontrast zu ihm ein evolutionärer Prozess in Form von Zuwachs an emanzipatorischer Komplexität im Individuum.

163] In diesem Sinne erlangt der freie Wille im Neokortex seine größtmögliche Freisetzungen. Was freier Wille eigentlich sagen soll, lässt sich nur in einer genauen Definition des befreiten, des freigesetzten Willens klar ausdrücken.

164] Ich mache das deutlich an drei unterschiedlichen Handlungsmodellen mit jeweils sieben Feststellungen. Jeder Fall steht als Prototyp für ähnliche Fälle:

[165] – [166]  Modellfall 1:
Die freigesetzte Willensentscheidung als strategisches Lösungsverfahren
am Beispiel eines Skatspiels

165a] Der Fall 1
Ein ganz normales Skatspiel. Drei Spieler. Die Karten sind gemischt und gegeben. Der Spieler in Vorhand nimmt den Skat auf. Löst den Skat ein. Bietet 18. Er bekommt damit das Spiel.

165b] Die Lösung / Das Ziel
Das Ziel des Spiels ist klar vorgegeben. Der Vorhandspieler bestimmt das Spiel. Damit hat er zu gewinnen.

165c] Der Konflikt
Seine beiden Gegenspieler müssen seinen Sieg verhindern. Sie haben den Vorteil, dass ihr Gegenspieler nicht weiß, wie die Karten bei ihnen verteilt sind. Wären die Karten aufgedeckt, würde das Spiel nach der optimalen Spielstrategie logisch durchlaufen. So aber liegt in den verdeckten Karten ein nur schwer kalkulierbares Risiko.

165d] Die gegebenen
Sein Blatt bietet dem Vorhandspieler zwei nahezu gleichwertige Möglichkeiten. Null oder Grand. Sagt er Null, darf er keinen Stich bekommen. sagt er Grand, muss er 61 von 120 Punkten erreichen, um das Spiel zu gewinnen.

165e] Gewusstes Risiko
Der Vorhandspieler zögert ziemlich lange. Er muss das Spiel ansagen und ausspielen. Er ist sich nicht sicher. Beide Spiele beinhalten ein ziemliches Risiko. Im Nullspiel fehlt ihm gegebenenfalls im fünften Stich eine Karte einer Farbe, im Grandspiel liegt eine Zehn blank. Nicht unbedingt Weltuntergang, aber doch ziemliches Risiko. Wenn die Gegner aufpassen, kann´s in beidem eng werden.

165f] Die allernächste Zukunft entscheidet
Unser Vorhandspieler hat in seiner Skatkarriere bestimmt weit über 100 Nullspiele und jede Menge Grands gespielt. Er weiß so ziemlich alles, was man wissen kann und muss, um so ein Spiel zu gewinnen. Doch das garantiert ihm jetzt überhaupt nicht, dieses Spiel zu gewinnen. Das nächst Zukünftige steht ihm nicht zur Verfügung. Er muss darum kämpfen. Deshalb ist jetzt alles auf dieses nächst Zukünftige fokussiert, darauf, die richtige Willensentscheidung zu treffen.

165g] Die geforderte Tat
In seinem Kopf laufen die Gedanken voll auf Gewinnen, doch sie sind nicht das Entscheidende, sind nur beliebig verfügbare Ideen, nicht die eigentliche Willensentscheidung. Die freigesetzte Willensentscheidung ist allein die Tat: Ansagen und ausspielen. Und: Er sagt Grand und spielt als erste Karte zur Sicherheit den obersten Buben. Die Entscheidung ist also gefallen, das Spiel läuft. Seine Gegenspieler passen gut auf. Er verliert die blanke Zehn. Gesamt 58 Punkte. Spiel verloren.

…und wenn Du Null gespielt hättest? fragt einer seiner Gegenspieler. Schnell sind die Karten wieder zusammengesteckt, Schicksal spielen. Kurz angespielt bis zum fünften Stich: Klare Sache, das hättest du gewonnen.

166] Die freigesetzte Willensentscheidung
Die freigesetzte Willensentscheidung garantiert keinen Erfolg. Sie besteht auch im Scheitern, in Misserfolgen und in Niederlagen, in Verlusten und Zusammenbrüchen. Befreite Willensentscheidungen gibt es gerade auch da, wo nicht gerecht sondern ungerecht gehandelt wird, nicht Gutes, sondern Böses bewirkt wird, nicht Glück sondern Elend, nicht Leben sondern Tod.

[167] – [168]  Modellfall 2:
Die freigesetzte Willensentscheidung als alltägliches Lösungsverfahren
am Beispiel einer höchst kritischen Situation 

167a] Der Fall 2
Ich schildere dazu bewusst ein eigenes Erlebnis: Eigentlich ist es ein ganz normaler Ausritt ins Wattenmeer. Strahlend schönes Wetter. Mit Lossi, meinem Isländer, reite ich im munteren Tölt ins Watt Bei Tiefstand Ebbe sind das gut fünf Kilometer raus bis zum Nordseerand.

Schließlich waren wir sehr weit draußen, hatten uns ein bisschen vertrödelt. Eigentlich sollten wir längst umgekehrt sein. Plötzlich kam aus Nordwest im Sturmwind eine dunkle Wetterfront hoch. Ein solcher Sturm drückt die einsetzende Flut früher ans Land. Dadurch laufen die Priele schneller voll und geraten zu reißender Strömung. Die Hauptgefahr im Wattenmeer.

167b] Die Lösung / Das Ziel
Die Gefahr war mir sofort klar. Wir waren sehr weit entfernt von günstigster Prieldurchquerung. Deshalb gab es nur eine Reaktion: Sofort im Galopp zurück. Lossi hatte die Gefahr mit der Witterung längst aufgenommen. Keine Müdigkeit mehr. Zurück mit aller Kraft, vor dem einsetzenden Regengeprassel weg.

167c] Der Konflikt
Der schwierigste Priel liegt etwa einen Kilometer parallel vorm Strand. Dieser Priel läuft erfahrungsgemäß schnell voll und wird dabei zur reißenden Strömung. Als wir näher kamen, war er bereits über die Ufer getreten, bildete schon eine weit ausströmende geschlossene Wasserfläche. Da geht´s nicht mehr durch, war mein erster Eindruck.

167d] Die gegebenen Alternativen
Die eine Möglichkeit: Jetzt doch noch durch den Priel durch, ganz langsam Schritt für Schritt. Am Rand war es noch flach, dreißig Meter voran immer tiefer ins Wasser. Zur Mitte zu würde Lossi bis an die Satteldecke durchs Wasser müssen. Auf dem Grund des Priels liegen Geröllsteine, drei gefährliche Meter breit. Würde er darauf abrutschen, könnte er in Panik geraten, wäre schwer zu halten.

Die zweite Möglichkeit: Gut eineinhalb Kilometer nördlich teilt sich der Priel, ist dort nicht mehr ganz so breit und tief, aber durch das verlaufende Wasser ist das Umfeld stark verschlickt. Für die Pferde ein Weg voller unsicherer Schritte, von den Reitern selbst bei freundlichem Wetter gemieden. Jetzt unter Wasser bei Sturm selbst nur im Schritt sehr gefährlich.

Dritte Möglichkeit: Lossi ist ein Schimmel. Weiß gegen die schwarze Wolkenwand. Die Küstenwache musste uns sehen. Also abwarten? Aber was könnten sie tun und wie schnell? Ein Glück, kein Gewitter, schoss mir durch den Kopf.

167e] Gewusstes Risiko
Die Lage war mir klar bewusst, hier wie da. Für alle drei Möglichkeiten gab es Gründe und Gegengründe. Einen Augenblick schien mir die Entscheidung völlig offen. Nichts zählte mehr, was aus dem Bewusstsein von hinten kam, außer vielleicht die Dauerwarnung, dass es sehr gefährlich sei.

167f] Die allernächste Zukunft entscheidet.
Das angespannte Denken zielte nur noch auf die Einschätzung der allernächsten Augenblicke, auf das, was in den nächsten Minuten passieren müsste und könnte.

167g] Die geforderte Tat.
Aber auch dafür blieb keine Zeit mehr. Jetzt musste entschieden werden, sofort und auf der Stelle. Noch einmal blieb ich mit Lossi stehen. Ich streichelte seinen Hals. Auf ihn kam jetzt alles an.  Lossi stand ganz ruhig, ohne jede Bewegung, die Ohren steil nach oben gespitzt. Er wartet auf mein Kommando. Ich auch. Dann hörte ich mich mit lauter, fester Stimme: Los, Lossi …

168] Die freigesetzte Willensentscheidung
Diese feste Willensentscheidung hat mich im selben Augenblick freigesetzt. Ich war hundert Prozent bei der Sache, war selten in meinem Leben derart abgeklärt wie in den nächsten fünf Minuten, nur noch das im Blick, was nach vorne passierte, mit festem Zügel Schritt für Schritt tiefer, und dann die letzten Schritte aus der tiefsten Stelle zurück auf den aufsteigenden Boden und raus. Lossi galoppierte mit mir in  die Freiheit.

[169] – [170]  Modellfall 3
Die freigesetzte Willensentscheidung als existentielles Lösungsverfahren
am Beispiel einer Sterbehilfe 

169a] Der Fall 3
Die Patientin liegt seit mehreren Wochen im Koma. Aus einem operativen Eingriff ist sie nicht wieder aufgewacht. Vor Jahren hat sie einen schweren Schlaganfall erlitten. Seitdem liegt sie fast bewegungsunfähig im Bett. Sie kann nicht mehr sprechen. Die letzten Jahre wurde sie zunehmend dement. Ihre Tochter ist von  ihr seit Monaten nicht mehr erkannt worden. Seit der Operation wird sie per Magensonde künstlich ernährt.

169b] Die Lösung / Das Ziel
Die ärztliche Diagnose ist eindeutig. Die Mutter wird absehbar sterben, morgen, in ein paar Tagen, vielleicht doch Wochen oder Monate. Eine positive Rückkehr ins Leben ist allerdings völlig ausgeschlossen. Sie würde immer ein totaler Pflegefall bleiben.

169c] Der Konflikt
Die Tochter hat eine Generalvollmacht für die Mutter. Sie allein trägt die Verantwortung für ihre Mutter. Sie ist einziges Kind. Sie hat alle Krankheiten ihrer Mutter mit durchlitten, ist ihr immer treu zur Seite geblieben, selbst als sie von ihr nicht mehr erkannt wurde. Nach all dem Leid kann sie das sinnlose Weiterleiden ihrer Mutter nicht mehr mit ansehen. Nach langen inneren Kämpfen ist sie zu einem festen Entschluss gekommen.

169d] Die gegebenen Alternativen
In einem intensiven Gespräch bittet sie die beiden betreuenden Ärzte im Krankenhaus, das medizinische Gerät abzustellen, um dem sinnlosen Leiden der Mutter endlich ein Ende zu machen. Mit Hinweis auf ihren Arzteid lehnen die beiden Ärzte diese Ansinnen mit überraschender Eindeutigkeit ab. Sie verlassen  das Krankenzimmer mit der Feststellung, sie selbst, die Tochter, könne ja die Mutter abschalten. Das da sei der Schalter.

Die Tochter, eine eigenständige Frau, bleibt im Krankenzimmer mit ihrer Mutter allein zurück. Sie ist geschockt, brutal vor eine eigene dramatische Entscheidung gestellt:

–   Entweder beugt sie sich der Verweigerung der Ärzte, und dann muss sie ihren Willen aufgeben

–   oder sie muss für ihren Willen kämpfen. Der Wille kommt nur dann zur Geltung,
–   wenn sie ihn als persönliche Überzeugung auch zur Wirkung bringt.
–   Allein nur der Wille reicht nicht. Er wird erst wirksam, wenn er durch die Tat manifestiert wird.

169e] Gewusstes Risiko
Die Tochter ist weiter davon überzeugt, dass sie ihre Mutter von ihrem sinnlosen Leiden befreien muss. Sie fühlt sich dafür persönlich voll verantwortlich. Dass die Ärzte sich verweigert haben, ist für sie kein überzeugender Grund, ihre Überzeugung zur Sterbehilfe, die sie sich in vielfältiger Aufklärung erworben hat, aufzugeben. Deshalb ist sie fest entschlossen, ihren Willen durchzusetzen.

Allerdings bedroht sie die Frage, wie sie selbst mit einer eigenen Tat in ihrem weiteren Leben fertig werden wird. Ihr Leben nach der Tat wird für sie völlig anders sein als ihr Leben vor der Tat. Dessen ist sie sich bewusst. Von daher versteht sie zum ersten Mal die Verweigerung der Ärzte. Durch ihre Willensabsicht, ja, -entscheidung ist sie selbst existentiell zutiefst betroffen.

169f] Die allernächste Zukunft entscheidet
Das Problem steht voll im Raum des Krankenzimmers, für die Tochter und für die beiden Ärzte. Eine notwendige Klärung ist unaufschiebbar. Nach einiger Überlegung bittet die Tochter die Ärzte um ein weiteres Gespräch. Die Ärzte kommen sofort.

169g] Die geforderte Tat
Die Tochter erklärt den beiden Ärzten, sie selbst wäre bereit, die Geräte an der Mutter per Schalter abzustellen. Sie bittet die Ärzte um Beistand, nämlich während des Abschaltens aus menschlicher Anteilnahme und ärztlicher Betreuung anwesend zu sein. Die Ärzte erklären ihre Bereitschaft dazu und ihre menschliche Solidarität.

In Anwesenheit der Ärzte hat die Tochter dann die Geräte abgeschaltet und so das natürliche Sterben ihrer Mutter herbeigeführt und erlebt.

Sie bestätigte ihre eigene Willensentscheidung durch ihre eigene Tat – und legitimierte sie gleichsam durch eine existentielle persönliche Garantie, durch die alleinige Übernahme der Verantwortung und aller daraus entstehenden zukünftigen Risiken der Rechtsverfolgung, der Moraldiskriminierung, möglicher persönlicher Zweifel und Schuldbewusstwerdung.

Beide Ärzte haben die Tochter in den Arm genommen und ihr gesagt, dass sie ihrer Meinung nach menschlich richtig und vorbildlich gehandelt habe. Ich selbst habe die Trauerfeier gehalten – für die verstorbene Mutter und für sie, die Tochter.

170] Die freigesetzte Willensentscheidung
Sterbehilfe, ganz besonders in einem unmittelbaren Bezug zu einem nahen Menschen, ist eine extreme Herausforderung an den Willen des Menschen. Sie lässt keinerlei Ausflucht in die reduktionistische Entschuldung. Sie stellt den Menschen in absolute freiheitliche Selbstverantwortung.

Aber auch andere große freigesetzte Willensentscheidungen des Lebens sind mit persönlicher Existenzgarantie zu besiegeln, indem dafür das eigene Leben gleichsam als Pfand eingesetzt wird: Eheschließung mit dem Ja-Wort fürs Leben. Aber natürlich auch Ehescheidungen. Auflösung der Religionszugehörigkeit. Wahl der Berufskarriere. Entscheidung, ein Kind zu zeugen und großzuziehen. Bereitschaftserklärung zur Organspende. Befreite Willensentscheidungen im Großen wie im Kleinen bedeuten existentielle Betroffenheit. Je tiefer die existentielle Betroffenheit, desto größer und exklusiver die Entscheidungsschwierigkeit des sich freisetzenden Willens.

 

2. Teil:  Dreizehn Thesen zu „Individualität und Willensfreiheit“

Ich habe in den bis hier abgelaufenen drei Diskussionsrunden meine Position, dass der Mensch eine eigenständige “Willensfreiheit“ hat, vielseitig vorbereitet und dargelegt. Ich fasse all diese Vorausüberlegungen in einer abschließenden Reihe von dreizehn Thesen zusammen.

171] These 1:  Limbische Emotion (EQ) liegt von Natur her vor kortikaler Reflexion (IQ)

Weit über die Hälfte menschlicher Handlungen werden durch das limbische Gehirn (Emotionale Intelligenz, EQ) gesteuert. Dessen Instinkt-Reaktionen auf die Reizauslösungen der fünf Sinnesorgane des Stammhirns erfolgen so direkt, dass das nachgeschaltete kortikale Denkhirn im direkten Vollzug gar nicht so schnell reagieren kann und auch nicht muss. Spontane, schnelle (“Bauch“)Reaktionen kommen aus dem Limbisches System.

Stammhirn und Limbisches System bilden dabei im Menschen jenen Hirnbestand, den auch die Tiere haben. Allein schon dadurch erklären sich viele Verhaltensähnlichkeiten zwischen Mensch und Tier. Der Mensch stammt eben nicht nur von den Affen ab, seine Wurzeln reichen viel tiefer zurück bis in die frühe Tierevolution. Von daher ist der limbische Wille ein rein mechanistischer Instinkt-Wille, ist triebgesteuert, streng reglementiert. Vom Limbischen System her gibt es wie für die Tiere auch für den Menschen keinen genetischen Ansatz für befreite Willensentscheidungen. Selbst wo man den Eindruck haben könnte, dass eine befreite Willensentscheidung vorliegt, unterliegen menschliche Handlungen oft dem limbischen Handlungszwang.

172] These 2:  Basis individueller Willensfreisetzung ist das Ich-Bewusstsein

Mit seiner kortikalen Denkfähigkeit (Rationale Intelligenz, IQ) übersteigt der Mensch die allein tierische Konditionierung des Gehirns. Die Fähigkeit, eine eigenständige befreite Entscheidung zu treffen, setzt mit der kognitiven Bewusstwerdung des Menschen ein. Das Ich-Bewusstsein bildet dabei eine Geist-Qualität, die nur dem Menschen zur Verfügung steht. Sie ist Kennzeichen seiner persönlichen Individualität. 

Das Ich-Bewusstsein ermöglicht dem Menschen ganz neuartige vernunftbedingte Erkenntnisfähigkeiten. Es ist gewachsen und wächst aus einem immer differenzierteren Subjekt-Objekt-Bezug: Der Mensch als Subjekt erkennt sein Lebensumfeld zunehmend als eine eigenständige Objektwelt. Er verliert dabei seine ursächlich limbisch-subjektive Sachbindung und entwickelt eine zunehmend rational-objektivierende Sachdistanz. Er hat sich schließlich als Subjekt selbst zum Objekt seines wissenschaftlichen Forschens gemacht. Das vertieft und verlängert die Erkenntnisprozesse des Neokortex. Wirklich eigeständige, befreite Willensentscheidungen haben über die alltäglichen Gewohnheitsabläufe hinaus selbst bei aktiven Menschen nur stark reduzierten Anteil.

173] These 3:  Die Entscheidungsbasis des befreiten Willens
173] These 3:  besteht im Neokortex des Menschen

Voraussetzung befreiter Willensentscheidungen ist, dass sich im individuellen Ich-Bewusstsein eine vielschichtige Gedankenwelt entwickelt hat. Sie besteht durch eine außergewöhnliche Transformation zwischen den Gehirnen: Die nonverbalen Funktionen des limbischen Gehirns werden im Neokortex in verbale Syntax umgewandelt. Die primäre Großleistung des Neokortex ist dabei die Herstellung einer abstrakten Begriffs- und Gedankenwelt. 

Begriffe sind die Bausteine der Gedankenwelt, sie bilden die kleinste Einheit (griechisch: atomos) des Denkhirns. Ein Begriff, der in einem Gedankengang, in einer Vernunft-Reflexion bewegt wird, ist gleichsam ein ionisiertes Begriffsatom. Dabei können Begriffe zu Gedankenmolekülen, zu Gedankengruppen zusammengebaut werden. Die Gedankengruppen können zu endlosen Gedankenketten, zu Theorien und Systemen zusammengeführt werden. Insgesamt bilden sie die Welt des Geistes, die Welt der Kultur im Gegensatz zur Natur.

174] These 4:  Die Kopfwelt des Ich: Die Gedanken sind frei

Die Welt des Geistes ist eine eigenständige Kopfwelt, ein gedanklicher Spielraum, in dem der Mensch sich alles so einrichten kann, wie er es für sich möchte. In ihm lassen sich Zeit und Raum beliebig überschreiten, Begründungen willkürlich verschieben, Zusammenhänge aufheben. Gerade auch völlige Falsch- und Fehleinschätzungen sind denkbar, logische Widersprüche jeder Art, Befürchtungen und Ängste, Hoffnungen und alles, was als nicht begriffen durch die Gedankenwelt vagabundiert. 

Die Gedanken sind die “Quanten“ des Denkens. In welchen Gedankensprüngen die Gedanken in den Reflexion des individuellen Denkhirn freigesetzt werden, ist gemäß Heisenbergs Unschärfe-Formel – Ort und Zeit eines Quantensprungs sind nicht gleichzeitig bestimmbar-,  nicht exakt voraussagbar. In der kognitiven Gedankenbildung definiert sich die Unschärfe-Formel so: Reale Wirklichkeit, Wahrnehmung und Begriff bilden keine 1:1 Kongruenz. Im Denken agiert der Mensch ursächlich subjektiv. Die Gedankenwelt des Menschen ist selbst im höchsten Anspruch von Vernunft und Wissenschaft nicht die Natur und die reale Wirklichkeit selbst, sondern immer nur deren subjektives Abbild.

175] These 5:  Die freie Vorstellungswelt der Gedanken ist nicht die Willensfreisetzung.
175] These 5:  Sie ist deren unabdingbare Voraussetzung

Die freien Gedanken sind so frei wie beliebig-unverbindlich. In dem Spielraum der Kopfwelt kann sich der Mensch eine beliebige Antiwelt zur Naturwirklichkeit aufbauen, in der sich das subjekt-orientierte Denkbewusstsein in seiner gefühlten Ich-Wirklichkeit austobt. In ihr lassen sich Situationen erträumen, Zukunftspläne schmieden, selbst unerreichbare Ziel imaginieren, “Sterne vom Himmel holen“, Gräueltaten planen, jede Art von Utopien und Visionen projektieren. Alles, was im Kopf durcheinander geht, lässt sich verspekulieren. Die größte Spekulation ist Gott.

Das freie Denken schafft den Entscheidungsfreiraum des sich freisetzenden Willens, ist aber nicht der befreite Wille. Diese beliebige Kopfwelt ist die unabdingbare funktionale Voraussetzung für die Fähigkeit freisetzende Entscheidungen treffen zu können. Allein mit ihr hat der Mensch die Möglichkeit, alternativ zu denken und aus diesem Bewusstsein heraus auch alternativ zu handeln. Nur das alternative Vernunftdenken löst das Ich-Subjekt aus dem triebgesteuerten limbischen Instinktzwang. Ohne die alternativen Denkfreiheiten des Neokortex keine befreiten Willensentscheidungen.

176]. These 6:  Sich freisetzender Wille ist bedingt durch die Imagination der Zukunft

In der freien Gedankenbildung liegt die Imagination der Zukunft. Die freie Gedankenbildung ermöglicht eine Öffnung des Individuums auf Zukunft hin. Die Zukunft wird somit für das menschliche Denken und Handeln eine entscheidend neue Qualität. Denn im limbischen System wird die Gegenwart nur von der Vergangenheit her entschieden: Gespeichert sind im limbischen Hippocampus Erfahrungs-, also Vergangenheitsmodelle. Taucht eine aktuelle Bedrohung auf, reagiert das Limbische System in instinktmechanischer Blitzreaktion vergangenheitsbezogen. Die Zukunft bleibt dabei völlig außen vor.

Das kortikale Bewusstsein dagegen durchbricht diese limbische Versperrung und schafft durch gedankliche Imagination Öffnung auf Zukunft hin: Deshalb kann der Mensch nahezu grenzenlos imaginieren, kann planen und spekulieren, kann contra naturam glauben und philosophieren. Von daher begründe ich meine generelle Hypothese, dass sich der Neokortex zum Schutz des Menschen aus dem limbischen System heraus gleichsam als dessen sechster Sinn weiterentwickelt hat zur besseren Freisetzung des Menschen von Bedrohungen. Gerade weil der Schutz des Individuums vor Bedrohungen Aufgabe des Limbischen Systems ist, hat sich aus ihm heraus zum planenden Präventivschutz genetisch die kognitive Vorausschau in die Zukunft für ein handelndes Ich entwickelt.

177] These 7:  Der freie Wille ist der befreite Wille

Freiheit gibt es nicht. Freiheit ist eine irreführende philosophische Fiktion, ein typisches Hirngespinst der Kopfwelt. Freiheit kommt in der Natur und in der realen Wirklichkeit nicht vor. In der Natur bestehen immer Abhängigkeiten und damit Unfreiheiten. Auch für den Willen gibt es jede Menge natur- und wirklichkeitsbedingter Abhängigkeiten.

Es gibt keine Freiheit, es gibt nur Befreiung. Befreiung meint eine spezielle Loslösung (!), ein Herausgenommensein aus vorausgehender Abhängigkeit. Deshalb ist der freie Wille nur als Wille zu verstehen, der sich freisetzt aus Konditionierungen, die im Voraus bestanden haben. Insofern ist eine Entscheidung des befreiten Willens zuallererst ein Hinauswachsen aus dem mechanistischen-limbischen Willen, ist im Kontrast dazu ein evolutionärer Prozess in Form von Zuwachs an emanzipatorischer Komplexität im Individuum. In diesem Sinn erlangt der Wille im Neokortex als freier Wille seine größtmögliche Loslösung als befreiter und befreiender Wille.

178] These 8:  Der befreite Wille des Ich ist gekennzeichnet durch eine eigenständige
178] These 8:  Entscheidung zur Tat, in deren Vollzug sich der Wille freisetzt

Die befreite Willensentscheidung des Menschen verwirklicht sich ausschließlich in einer konkret vollzogenen Tat. In der Tat wird die Zukunftsperspektive des vernunftbedingten Wollens manifest, wird sichtbar, dass die konkreten Entscheidungsbedingungen des  befreiten Willens in den gedachten Perspektiven der Zukunft liegen und nicht im Zwangsvollzug der Vergangenheit. Aus Vergangenheitsgewohnheiten heraus bilden sich keine befreiten Willensentscheidungen, sondern nur Fremdbestimmungen. Menschheitsgeschichtlich und menschlich ist die höchste vergangenheitsbedingte Fremdbestimmung schon immer Gott gewesen. Das dualistische Prinzip “Gott/Schöpfer – Mensch/Geschöpf“ – bedingt auch heute immer religiöse Unterdrückung des menschlichen Willens.

Befreiende Tat bedeutet: Das Ich wird nicht mehr fremdbestimmt durch Faktoren, die das Ich von außen zwingen. Das Ich bestimmt sich selbst. Selbstbestimmung ist die immer erneute Durchsetzung des eigenen Willens. Dieser Vorgang ist nicht ein für alle Mal da, sondern muss immer neu erkämpft und konkretisiert werden. Dieser Vorgang muss geistig wachsen, muss vom Ich selbst erst erlernt, begriffen und wahrgenommen werden. Darin liegt ein wesentlicher Emanzipationsprozess, liegt Selbstfindung und Ich-Identifizierung. Ein Prozess, in dem der Mensch auch immer wieder versagen kann, indem er erneut Fremdwirkungen erliegt. In der Geschichte der menschheitlichen und menschlichen Bewusstwerdung ist der Kampf um die Freisetzung des Individuums von seiner größtmöglichen Fremdbestimmung Gott ein dramatischer Aufklärungsprozess. Wer sich von Gott loslöst (!), befreit sich exemplarisch, wird in sich selbst mit seinem eigenen befreienden Willen ein autonomer Mensch.

179] These 9:  Eine bewusste befreiende Willensentscheidung
179] These 9:  bedingt existentiell alternative Veränderung

Eine bewusste Willensentscheidung reift heran, wenn im Ich-Bewusstsein ein Anlass zur Veränderung besteht. Die Entscheidungssituation setzt voraus, dass die Denkprozesse Möglichkeiten zur Verfügung stellen mit zwei in etwa gleichwertigen Zielen oder ein Ziel mit zwei unterschiedlichen Wegen zum Ziel. Die Denkprozesse entwickeln dann alternative Dispositionen, in denen auf Zukunft hin Veränderungen durchgeführt werden können. So oder so liegen Alternativen immer in der voranliegenden Zukunft.

Die bewusste Willensentscheidung ist deshalb eine Entscheidung zwischen zwei oder mehreren Alternativen, die sich dem Bewusstsein ergeben. Wenn innerhalb des Reflexionsprozesses schon mehrere schwächere Lösungen ausgeschieden sind, müssen für eine letztgültige Willensentscheidung zumindest zwei alternative Möglichkeiten gegenüberstehen, zwischen denen entschieden werden kann. Sonst entsteht keine Willensentscheidung. Das bisher Bestehende kann dabei durchaus eine alternative Gültigkeit behalten, so dass sich die Veränderungsabsicht auf eine einzige neue alternative Lösung beschränkt.

180] These 10:  Die freie Willensentscheidung hebt die externen
180] These 10:  Natur- und Realitätsdeterminanten nicht auf

Eine bewusst eigenständige Willensentscheidung schließt also erkenntnistheoretisch die determinierenden Faktoren der naturbedingten Realität überhaupt gar nicht aus. Ganz im Gegenteil. Sie setzt sie von der Vergangenheit, in der Gegenwart auf Zukunft hin uneingeschränkt voraus. Mit ihr bleiben die Umsetzungsbedingungen so real wie säkulare Wirklichkeit real ist. Die Willensbefreiung überschreitet an keiner Stelle reale Grenzen, versetzt also konkret nie (naturwissenschaftliche) Berge.

Die Einsicht dazu ist leicht nachvollziehbar: Alles was als Überschreitung der Realität erscheinen mag und sie auch ausmacht, gehört ausnahmslos in die Kopfwelt, also in die imaginäre Gedankenwelt, die die Entscheidung vorbereitet, also nicht in die Realisierbarkeit der Tat. Mit der Realisierung des Willens wird alles Realitätswidrige aus der Vorstellungswelt der Willensentscheidung durch die Realität selber geregelt: Es findet real nicht statt. Die Realität geht darüber einfach hinweg, indem sie alles vorweg irreal Gedachte lückenlos ausscheidet. Alles imaginär Gedachte geht in der Realisierung der Tat unter. Übrig bleibt nur die reale Realität.

Das erklärt den philosophischen Schildbürgerstreich der Reduktionisten in ihrer Bestreitung der Willensfreiheit: Ex eventu lässt sich natürlich alles erklären. Im Nachhinein ergibt sich ihnen immer eine konkrete Kausalität, weil im konkreten Handlungsvollzug alle irrealen Motivationen ausgeschieden sind. Reduktionisten haben deshalb zwangsläufig immer Recht. Nur: Sie verlieren ebenfalls zwangsläufig mit ihrer Betrachtungsweise entscheidende Motivationen befreiender Handlungen, nämlich die imaginären Zukunftsvisionen der Tat, in actu also die offene Vorstellungswelt der Gedanken des Handelnden als eigentliche Motivationsebene. Gerade um diese Motivationsebene aber geht es als Basis der Zukunftsperspektive, um die kortikale geistige Zuwachsdimension, die die befreiende Handlung ermöglicht.

181] These 11:  Die Freisetzung des Willens ereignet sich 
181] These 11:  im existentiellen Bezug des Ich auf Zukunft hin.
181] These 11:  Je größer das Risiko der Veränderung,
181] These 11:  desto schwerwiegender die Willensentscheidung

In der befreiten Willensentscheidung erfüllt das Ich nicht die Vergangenheit, die die Reduktionisten später errechnen können, sondern das Ich folgt der Motivation auf Zukunft hin, die sich ihm aus seiner Vorstellungswelt ergeben hat. Das Ich befreit sich damit von dem, was es nicht mehr will, um das zu erreichen, was es will. In diesem bewussten Wollen liegt die Aufhebung limbischer Instinkt-Emotionalität (EQ) durch die Durchsetzung der kortikalen Vernunft-Reflexion (IQ). Sie allein macht es möglich, den Menschen und die Menschheit in ihrer Komplexität zu verstehen, speziell in ihrer Verantwortung für Moral und Ethik, in ihrem Rechts- und Sozialbewusstsein, in ihren Sinnsetzung der res privata und der res publica.

Nur in befreiter Entscheidungsfähigkeit ist der Mensch verantwortlich für seine einzelnen Taten und für sein gesamtes Handeln. Das macht für ihn jede Handlungsentscheidung zu einem persönlichen Risiko. Es bindet ihn in einem existenziellen Bezug an seine Handlung. Mit der vernunftbedingten Reflexion – und nur durch sie – ist dem Ich-Bewusstsein auch das Risiko seiner Tat bewusst. Das Risikobewusstsein ist sein existentieller Bezug. Auch nur durch diesen besteht Verantwortung des Individuums und mit ihm alles Rechts- und Schuldbewusstsein. Je größer das Risiko, desto gewichtiger die befreiende Willensentscheidung – bis in den letzten Winkel der Betroffenheit des Individuums: Von den großen abendländischen Menschheitsschicksalen von Schuld und Sühne, Sünde und Buße, Rechtsprechung und Vergeltung bis hin zum kleinen Bußgeld für falsches Parken.

182] These 12:  Die befreite Willensentscheidung und damit die befreiende Tat
182] These 12:  ist die uns erfahrbar höchste Stufe der Individualität

Mit den freigesetzten Entscheidungen seines Willens hebt sich der Mensch ab von der Gleichheit der Menschen und wird als Mensch zu einem unverwechselbaren Individuum, zu einer singulären Persönlichkeit. Sie ist für uns heute die höchst erfahrbare, ja, höchst denkbare Form der Individualität. Individualität ist der zentrale Begriff der modernen Welt seit der rationalen Aufklärung vor zweihundertfünfzig Jahren. Seitdem befindet sich unsere Gesellschaft in einem rasanten Individualisierungsprozess auf allen Lebensgebieten, ausgehend von unserer europäischen Kultur bis in die fernöstliche Kulturwelt.

Das Phänomen Individualität ist dabei ein zentrales Kennzeichen einer neuartigen globalen Ich- Gesellschaft. Sie gründet nicht mehr auf statischen Wertesystemen, sondern auf dynamischen Lebensmodellen, nicht mehr in konservativer Bewahrung, sondern auf innovativer Neugestaltung, nicht mehr auf Vergangenheitspositionen, sondern in globalen Zukunftsfunktionen. Bestandsdauer konkreter Zustände werden so immer kürzer, Veränderungen in Erkenntnis und Wissen, in Innovation und Machbarkeit, in Lebensplanung und Lifestyle wechseln sich immer schneller ab. Alles steht zur Disposition. Alles ist veränderbar. Träger dieser Entwicklung ist der Mensch in seiner modernen Zukunftsoffenheit. Wer seinen Willen nicht auf das, was kommen kann, ausrichtet, wird immer weniger existenzfähig. Der Mensch ist zunehmend in seiner Fähigkeit gefordert, sich durch eigene selbst verantwortete Willensentscheidungen schnellstmöglich und flexibel den neuen Situationen anzupassen. Individualität ist so auf das Prinzip der Evolution ausgerichtet, auf Anpassung an die Zukunft.

183] These 13:  Kosmischer Individualisierungsprozess und Willensfreiheit 

Bisher habe ich das Phänomen der Willensfreiheit nur aus der Entwicklung des mikrokosmischen Aufbaus des Menschen betrachtet, speziell aus seinen gehirngenetischen Entwicklungen und einigen daraus markanten Folgerungen zur modernen Ich-Identität. Der Begriff Individualität ist dabei zu einem Spitzenbegriff geworden, in dem die mikrokosmische Entwicklung kumuliert. Der Begriff Individualität erscheint zugleich weitergehend als ein Schlüsselbegriff, mit dem sich eine markante Perspektive in die makrokosmische Dimensionen ergibt und die menschliche Willensfreiheit in die gesamtkosmische Evolution einbettet. In dem Zentral- und Leitbegriff Individualisierung/Individualität sehe ich den grundsätzlichen Ansatz zu der Frage des Zusammenhangs zwischen dem Phänomen menschliche Willensfreiheit als Ich-Bewusstsein und dem kosmischen Gesamtsein:

Ich gehe aus von der Beobachtung, dass die drei großen Evolutionsepochen – atomare Epoche, biologische Epoche, geistige Epoche – jeweils das gleiche Strukturformat haben. Sie beginnen alle drei mit einem Individualisierungsprozess der Materie:

Die Individualität des Atoms                             – als physikalisches Prinzip

Die Individualität der (Ur)Zelle                          – als biologisches Prinzip

Die Individualität des Ich-Bewusstseins           – als geistiges Prinzip 

[Siehe dazu nachfolgend meinen Schlussteil 3.5.] 

An der Spitze der biogenetischen Genese steht – wie in meinen Duell-Beiträgen entwickelt –  das geistige Prinzip der Individualität. Der Mensch ist exklusiv Träger dieser höchsten Individualität und damit des Ich-Bewusstsein und der Willensfreisetzung. Seiner Ich-Identität.

An der Spitze der kosmischen Evolution steht das gleiche geistige Prinzip der Individualität als höchste Stufe makrokosmischer Entwicklung. Träger dieser höchsten Individualität ist – uns zurzeit erkennbar – der Mensch, damit sein Ich-Bewusstsein und seiner Willensfreisetzung. Seine Ich-Identität.

Von daher sind drei Schlussfolgerungen auf das Gesamtsein hin möglich:

1. Gerade in der geistigen Individualität des Menschen bildet das Sein in seiner höchsten materiellen Komplexität eine vollständige mikrokosmische und makrokosmische Einheit. Ich-Bewusstsein, Willensfreisetzung, Ich-Identität sind gemeinsame geistige Erscheinungsformen materieller Entwicklung aus unterschiedlichen Ansätzen.

2. Überall da im Kosmos, wo die mikro- und makrokosmische Evolution unter ähnlichen Bedingungen abgelaufen ist, abläuft oder ablaufen wird, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es auch dort menschenähnlichen Geist, also Ich-Bewusstsein, freigesetzter Wille, Ich-Identität gegeben hat, gibt oder geben wird, also die Stufe, wenn nicht höchster, so doch sehr hoher materieller Komplexität.

3. Alle geistigen Vorgänge sind als Natur zeitbedingt und damit vergänglich, also auch Ich-Bewusstsein, freigesetzter Wille und Ich-Identität. Allumfassend ist auch für sie das Nichts.

184]  Schlussdefinition Willensentscheidung

184]  Der befreite Wille
184]  ist die eigenständige Entscheidung des Ich-Bewusstseins

184]  auf ein konkretes Handlungsziel in der Zukunft hin.

184]  Er ist Ausdruck autonomer Selbstverantwortung und damit höchster Individualität.


Fazit
 

[185] – [192]  Die an mich gestellte Aufgabe von Dr. Schmidt-Salomon

185] Schon ganz zu Anfang unseres Duells hat Schmidt-Salomon mich in einer Email aufgefordert, dass ich doch, bitte schön, bevor ich einen freien Willen behaupte, folgendes Problem lösen solle, ich solle beweisen,

dass jemand, der damals in der Vergangenheit eine Entscheidung getroffen hat, wenn er zurückkehren würde in exakt die gleiche Situation wie damals, dann eine andere Entscheidung treffen könne als die, die er damals getroffen hat. Dann wäre das ein Beweis für einen freien Willen.

In seinem letzten Duell-Beitrag hat Schmidt-Salomon diese Aufforderung an mich wiederholt: Er hat sie auch in seinem Buch JENSEITS VON GUT UND BÖSE als Statement hinterlegt.

Diese Frage bedrängt also Schmidt-Salomon offenbar sehr.

Da sie an mich persönlich gestellt ist, muss ich darauf auch detailliert eingehen.

186] Zunächst gebe ich darauf eine völlig eindeutige Antwort mit dem Hinweis auf meine im Teil 3.4. oben entwickelte Argumentation:

Selbstverständlich könnte ein Mensch theoretisch damals wie jeder Mensch heute in der gleichen Entscheidungssituation im Sinne alternativer Möglichkeiten anders entscheiden als er damals entschieden hat. Überhaupt gar nichts spricht dagegen.

Das eben vor allem deshalb, weil damals wie heute in einer bewussten alternativen Willensentscheidung nicht die Vergangenheit erfüllt wurde, sondern versucht wird, die Zukunft zu lösen. Die offene Zukunft, die der Mensch damals genauso wenig kannte wie wir sie heute kennen, ist immer die dominante Perspektive einer befreiten alternativen Willensentscheidung. Ich habe diese These vielschichtig dargelegt.

187] Nachdem ich von meiner argumentativen Darlegung her klar zur Sache geantwortet habe, erlaube ich mir doch noch Kritik an der Fragestellung von Dr. Schmidt-Salomon:

Schmidt-Salomons Frage erscheint weniger eine Sachfrage als vielmehr eine typische Fangfrage. Sie erinnert mich an die Frage, die mir jemand damals als Pastor zur Allmacht Gottes gestellt hat, nämlich ob Gott in seiner Allmacht einen Stein schaffen könne, der größer sei als er selber. Das war auch keine Sachfrage, sondern eine uralte theologische Fangfrage der Inquisition.

Ich habe ihm damals zu erklären versucht, dass sich der Mensch in seiner Kopfwelt alles Mögliche erdenken und imaginieren könne. Mit seinem Denken kann er sich eben auch Dinge vorstellen, die es in der realen Welt überhaupt nicht gibt oder gar nicht geben kann. Solche Denkprojekte seien letztlich nichts als menschliche Hirngespinste, die nur als Vorstellung im Kopf des Menschen existieren.

Ich wiederhole dies hier noch einmal:

Die Vorstellung der Rückführung eines Ereignisses in die Vergangenheit überhaupt, speziell aber unter den Bedingungen einer exakten 1: 1 Gleichheit ist in unserem naturwissenschaftlichen Weltbild der kosmischen Evolution radikal contra naturam und deshalb ganz und gar ausgeschlossen, ja, absurd. Sie ist mindestens so absurd, wie Luthers Argument gegen Kopernikus und dessen mathematische Berechnungen zur Umlaufbahn der Erde um die Sonne: Nichts davon könne stimmen, sagt er, denn in der Bibel stände in Josua 10,12-13: Sonne steh still über Gibeon und Mond im Tal Ajalon. Das beweise letztgültig, dass sich die Sonne bewegt und nicht die Erde. Sieh mal einer an – und jetzt der Gegenbeweis aus einer nicht realen Vergangenheit. Na, so was.

Gegen die 1:1 Gleichheit

– hat schon Heraklit die Irreversibilität des Daseins mit seiner Feststellung definiert:

  panta  rei – alles fließt. Dazu seine noch wichtigere Ergänzung:

  Niemand steigt zweimal in den gleichen Fluss.

– Die kosmische Evolution als fortlaufender irreversibler Prozess bestätigt seine damalige Feststellung.

Deshalb: Es ist einem wissenschaftlich denkenden Menschen geradezu verboten, Wirklichkeit in einem Seinsmodell erklären, deuten oder gar beweisen zu wollen, das es überhaupt nicht gibt oder geben kann. Realität lässt sich nicht durch Irrealität erklären, Wirklichkeit nicht durch Unwirklichkeit beweisen.

Daran ist schon Nietzsche kläglich gescheitert mit seinem Versuch, den antiken Gedanken einer ewigen Wiedergeburt und damit den Wiederholungszwang der total gleichen Dinge ins moderne Denken einzuführen. Das Modell der (ständigen) Wiederholung des Weltablaufs beinhaltet in se einen absoluten Determinismus, lässt keinerlei Abweichung und keinerlei Öffnung auf Zukunft zu. Das entspricht zu null Prozent unserer modernen Geschichtsauffassung.

In meiner eigenen Begründung der Willensfreisetzung spielt die Evolution und damit die offene Zukunft eine entscheidende Rolle. Das entspricht zu hundert Prozent unserer modernen Geschichtsauffassung. Sich auf Schmidt-Salomons Frageszene einzulassen hieße also, unser Geschichtsverständnis total außer Kraft zu setzen.

188] Entsprechend ist das Szenario der Aufforderung von Schmidt-Salomon an mich ein rein philosophisches Hirngespinst.

Mag sein, dass Schmidt-Salomon diese Beweisaufforderung an mich nur als scherzhaften Versuch gemeint hat. Wenn nicht, dann gilt meine Bitte an ihn:

Lieber Michael, nimm diese Frage freundschaftlich zurück.
Sie scheint mir in vielerlei Hinsicht völlig unangemessen zu sein.

 

3. Teil:  Freier Wille und das kosmisches Individualisierungsprinzip

[189] – [192]  Einstieg in die Frage nach der kosmischen Evolution des Geistes.

189] Bisher habe ich den “befreiten Willen“ aus dem Mikrokosmischen entwickelt und begründet. Entscheidend ist nun die Frage, ob sich der mikrokosmische Ansatz der Bewusstwerdung des Individuums und seiner Fähigkeit zu befreiten Willensentscheidungen in die makrokosmische Gesamtheit einbringen lässt, gar von dort her Bestätigung erfährt.

190] Ich entwickle damit einen grundsätzlich anderen kosmischen Ansatz als Schmidt-Salomon in seinem Buch JENSEITS VON GUT UND BÖSE, op. cit. Seite 329ff. Dort entwickelt er seine These von der Makrodetermination.

191] Ohne diese von ihm beschriebenen Mechanismen zu bestreiten oder zu minimieren, halte ich diesen Versuch als Annäherung an die makrokosmischen Dimensionen für einen zu kleinflächigen Ansatz und deshalb für wenig tragfähig.

192] Anders als Schmidt-Salomon gehe ich selbst auch hier wieder direkt vom Ursächlich-Faktischen aus. Die Frage ist doch, ob und wie die Entwicklung des Geistes in der kosmischen Evolution angelegt ist oder nicht.

[193] – [194] Das Wesen der kosmischen Evolution. Epocheneinteilung.

193] Wissenschaftlich ist der Begriff Evolution keineswegs so eindeutig bestimmt, wie er allgemein schlagwortartig gebraucht wird.

194] Ein wichtiges Kriterium ist dabei der Versuch, die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Evolution zu unterscheiden und nach ihrer je eigenen Bedeutung zu definieren. Ich entwickle diesen Punkt in diesem Zusammenhang nur schlaglichtartig.

[195] – [196] Mein eigener Entwurf einer Epocheneinteilung der kosmischen Evolution.

195] Ich selbst habe 2006 in meinem Buch CODEX ATHEOS. DIE KRAFT DES ATHEISMUS, 2006, (op. cit. Seite 361-362. 391-392) meinen eigenen Entwurf einer Epocheneinteilung der kosmischen Evolution vorgestellt. Es ging mir damals schon ganz konkret um die Einordnung der Entstehung des Ich-Bewusstseins in die kosmische Evolution und damit um die These, dass die Evolution des Geistes eine strukturelle Parallele sei zu den großen vorausgehenden Initialstufen der atomaren und der biologischen Evolution.

196] Entscheidend ist bei meinem Entwurf der Epochisierung der kosmischen Evolution die

Individualisierung als Evolutionsprinzip:

Grafik: Paul Schulz

[197] – [200] Das kosmische Individualisierungsprinzip

197] Ich gehe aus von der Beobachtung, dass die drei großen Evolutionsepochen  –  physikalische Epoche, biologische Epoche, geistige Epoche  –  jeweils das gleiche Strukturformat haben. Sie beginnen alle drei mit einem Individualisierungsprozess der Materie.

198]  Strukturstufe 1:
198]  Die Individualität des Atoms   –   als physikalisches Prinzip

198a] Die zurzeit am meisten einleuchtende Deutung der Entstehung des Kosmos erklärt den Anfang als abrupte Freisetzung geballtester Energie. Bleiben wir im Erklärungsmodell von Stephen W. Hawking, dann hat die Energieexplosion in weniger als einer Billionstel Sekunde (dem Millionstel einer Millionstel Sekunde) die Schaffung der Elementarteilchen bewirkt.

198b] Die physikalische Sensation lag nachfolgend in der Bildung das (Ur)Atom durch die Ausbildung einer stabilen Atomhülle, die das Atom nach außen hin strikt abgrenzte und dadurch seinen inneren Aufbau ermöglichte. Jedes Atom hat seine eigene physikalische Individualität als eine in sich geschlossene Einheit. Die in sich Geschlossenheit des Atoms gegen außen schafft den exklusiven Raum der physikalischen Individualität, die das Atom unverwechselbar eigen macht.

198c] Nur in und durch die Individualität der Atome erfolgte innerhalb eines strukturierten Ordnungsprozesses der Aufbau des atomaren Kosmos und damit die Pluralität des physikalisch Gesamten.

199]  Strukturstufe 2:
199]  Die Individualität der (Ur)Zelle   –   als biologisches Prinzip

199a] Die zurzeit am meisten einleuchtende Deutung der Entstehung des Lebens erklärt die Belebung der Materie durch eine präbiotische Molekularrevolution. In ihr entstand ein Prozess endloser Versuche von Molekularbindungen mit dem Ziel des dauerhaften Zusammenhalts in einer neuartigen Molekulareinheit. Dieser Werdungsprozess hat auf der Erde eine Milliarde Jahre (eintausend Millionen Jahre) benötigt.

199b] Das revolutionierende Ereignis lag in der Entstehung einer (Ur)Zelle. Durch die Bildung einer Zellwand und deren Krümmung zur Kugel schuf sich ein Innenraum, der sich gegen die gesamte Außenwelt abschottete. Diese in sich geschlossene Molekularkugel ermöglichte einen eigenen Aufbau des inneren Organismus und damit den exklusiven Raum der biologischen Individualität, die die Zelle unverwechselbar eigen macht.

199c] Nur in und durch die Individualität der Zellen entwickelte sich in Folge in explosionsartiger Expansion die Pluralität des biologischen Gesamten, der Aufbau des Lebenden in der Tier- und Pflanzenwelt, die Fülle der belebten Natur.

200]  Strukturstufe 3:
200]  Die Individualität des Ich-Bewusstseins   –   als geistiges Prinzip

200a] Die zurzeit am meisten einleuchtende Deutung der Entstehung des Ich-Bewusstseins erklärt die Ich-Werdung aus der zunehmenden Subjekt-Objekt-Trennung im Denken des Menschen. Das Ich-Bewusstsein war nicht der Beginn des Menschen, sondern ist erst in den letzten 200.000 Jahren langsam im Ausbauprozess des Denkens im Neokortex gewachsen.

200b] Gegenüber der totalen Objektwelt hebt sich dagegen das Ich immer stärker ab, indem es sich durch reflektierte Wahrnehmung zunehmend aus der Außenwelt ausdifferenzierte und sich nach innen zu sich selbst wendete. Diese geistige Selbstfindung des Ich ist mittels einer “incurvitas in se“ ein abstrakter Erkenntnisraum, der sich in Begriffen und Gedankenreflexionen manifestiert. Dieses in Begriffen denkende und sich selbst denkende individuelle Ich bildet die Trennmauer zwischen Subjekt und aller Objektwelt, zwischen Ich und sonstigem Sein. Es ist die individuell-geistige Eigenwelt im Kopf des Denkenden und damit der geschlossenen Raum der geistigen Individualität, die das Ich-Bewusstsein unverwechselbar eigen macht.

200c] Nur in und durch die Individualität des Ichbewusstseins erfolgt die Pluralität der geistigen Gesamtheit, der Aufbau der Geisteswelt innerhalb eines kollektiven Bewusstwerdungsprozesses. Alle Geisteswelt und alle Kultur nehmen ihren Anfang im geistigen Individuum, im Ich-Bewusstsein.

[201] – [202]  Individualität als Ausgangspunkt jeweils neuer kosmischer Evolutionsepochen

201] Die Entstehung des Ich-Bewusstseins ist auf die kosmische Gesamtevolution bezogen ein außerordentlicher Entwicklungsfortschritt der Natur. Sie hat in ihrer Entwicklungsbedeutung zumindest eine strukturelle Parallele zu den beiden großen vorausgehenden Initiationsstufen der Evolution.

202] Der jeweils in sich geschlossene exklusive Raum des Atoms, der Zelle, des Ich-Bewusstseins sind die aufsteigende Entwicklungslinie der Individualisierung der kosmischen Evolution.

[203] – [204] Die Weiterentwicklung des kosmisches Individualisierungsprinzip III

203] Es besteht keinerlei Grund zur Annahme, dass die kosmische Individualisierungsphase III bereits abgeschlossen ist. Wie die bisherige Entwicklung der geistig-kulturellen Individualität ist auch deren Weiterentwicklung eingebettet in die kosmische Evolution und von daher zu verstehen und zu bewerten.

Grafik: Paul Schulz

204] In den letzten fünf Millionen Jahren hat sich die Gattung Mensch in erkennbaren Stufen fortentwickelt. Seit achttausend Jahren hat der Mensch in dieser Linie ein Niveau erreicht, das mit dem Begriff Kulturmensch gekennzeichnet wird. In der Zeit als Kulturmensch hat sich das Ich-Bewusstsein des Menschen stark ausgeprägt. In der nachfolgenden Graphik markieren wir den Ablauf als

Wachsende Ichwerdung:

Grafik: Paul Schulz

Fazit

[205] – [209] Der naturwissenschaftlich denkende Mensch und der “freie Wille“

205] Wir gegenwärtigen Menschen stehen an der Spitze einer atemberaubenden Evolution der geistigen Welt. Wir sind menschheitsgeschichtlich ganz vorn, denn zu keiner Zeit und nie war das säkulare Denken soweit fortgeschritten wie in unserer Generation. Noch nie waren die Naturgesetze so differenziert zu bestimmen. Noch nie waren die mikro- und makrokosmischen Strukturen der Welt so umfassend zu verstehen. Noch nie waren das Leben und seine Erscheinungsformen so entstehungsnah zu erklären. Und der säkulare Erkenntnisprozess rast weiter:

– Zunächst in der Quantität der Erkenntnisse. Jedes Jahr wächst die gesamte objektive Wissensmenge der Menschheit um ein Vielfaches. Das heißt: Große Mengen von bisher spekulativen Meinungen werden durch objektive Erkenntnisse und Informationen falsifiziert und ersetzt. Völlig neuartige Forschungsergebnisse kommen hinzu. Weltweit läuft ein hochdramatischer Erkenntniskampf der Naturwissenschaftler aller Wissensbereiche gerade auch um kleinste Sachdetails.

– Dann aber vor allem auch in der Qualität der Erkenntnisse. Der Mensch beobachtet und beschreibt nicht mehr nur, was er sieht. Er bleibt nicht stehen beim Experimentieren und Theoretisieren. Das alles ist zwar auch weiterhin elementar wichtig. Darüber hinaus aber sieht sich der Mensch aufgrund seines erforschten Wissens zunehmend in der Lage, seine säkularen Erkenntnisse in konkretes Handeln umzusetzen. Die Denkbarkeit wird ihm zur Machbarkeit.

206] Mit der Machbarkeit aufgrund säkularer Rationalität entstehen völlig neuartige Dimensionen des menschlichen Selbstbewusstseins, denn in der Machbarkeit liegt ein entscheidender Sprung vom quantitativ-passiven zum qualitativ-aktiven Wissensstand. Dieser Sprung lässt sich am aktuellen Beispiel der Biogenetik besonders gut verdeutlichen:

Zum einen zeigt ihre Forschungsgeschichte in den letzten vierzig Jahren eine fantastische menschliche Denkleistung in einer schier unglaublichen Zahl von Einzelergebnissen. In akribischer Laborarbeit wurden immer erneut Fragen entwickelt, Versuche projektiert, Testreihen ausgewertet, Ergebnisse definiert. So wurde die hoch komplizierte menschliche Genetik entschlüsselt vom molekularen Zellenaufbau bis hin zur jüngst gelungenen Bestimmung des Erbanlagecodes DNA.

207] Zum anderen aber entwickelt sich darüber hinaus aus der Masse exakten Wissens ein viel weiterführender Anspruch der menschliche Vernunft, der Anspruch der Machbarkeit. Der Mensch greift jetzt selbst direkt in die Lebensnatur ein. Er kann Organteile nachbauen und funktional implantieren. Er kann Zellen duplizieren. Er kann Erbgut entziffern und korrigieren. Er kann aus adylen oder embryonalen Stammzellen natürliches Gewebe nachwachsen lassen, etwa Herzmuskel, Zahnschmelz, Hautgewebe oder Hirnsubstanz. Der Mensch wird mit seiner weltlichen Vernunft noch vieles machen können, was jetzt noch kaum vorstellbar erscheint.

208] Die Machbarkeit ist die zwingende Erkenntnisform der säkular-objektiven Rationalität. Denn in ihr erreicht die weltliche Vernunft des Menschen ihre größtmögliche Annäherung an die objektive Wirklichkeit. Wo es dem Menschen gelingt, aus der Erkenntnis der Natur und ihrer Gesetze die Natur selbst nachzubauen oder aus den Naturgesetzen heraus Neues zu schaffen, erweist sich das Erkannte als objektiv, als wirklich, ja, als die diesseitige Realität selber, denn: Was machbar ist, ist real existent.

[209] – [215]  In dieser Welt auf Zukunft hin
[209] – [215]  reden wir vom freien, genauer: befreiten und befreienden Willen

209] Mit der Zukunft der säkularen Rationalität liegt die Zukunft des atheistischen Bewusstseins überhaupt erst noch vor uns, denn indem der Mensch so die Welt mit seiner säkularen Rationalität verändert, wird der Mensch selbst kreativer Macher, wird selbst Bauherr der Natur, ja, Bauherr des Lebens, Schöpfer einer sich neu gestaltenden Welt.

210] Nicht nur die friedlichen technischen Erfindungen werden in rasanter Globalisierung die Zivilisation weltweit revolutionierend verändern. Selbstverständlich drohen damit Zusammenbrüche an völlig unterschiedlichen Stellen. Nicht allein durch doch noch mögliche atomare Katastrophe. Auch durch technisch bedingte Verseuchungen, Epidemien und Umweltkatastrophen. Durchaus auch infolge von genetischen-medizinischen Manipulationen oder durch Menschen bedingten Ressourcenmangel. Die zukünftige Welt ist ganz sicher voller möglicher horrender Gefahrenszenarien.

211] Die explosionsartige Entwicklung der säkular-objektiven Rationalität innerhalb der jüngsten Menschheitsgeschichte schafft auf Zukunft hin den Zwang zur Selbst- und Weltverantwortung als höchst notwendige Kulturleistung. Mehr noch als die alte Welt verlangt die neue Welt vom Menschen verantwortendes Handeln. Vom einzelnen Menschen in seiner vielfach gewachsenen Selbstverantwortung für sich und für seine Umwelt, von allen Institutionen weltweit in ihrer Verantwortung für die Gesellschaft, für die Völker und Nationen, für das globale Zusammen- und Überleben auf der Erde. Eine immense Leistungsforderung und notwendiger Aufwand an menschlicher Kommunikation und Logistik.

212] Dieser gewaltige weltweite Handlungsprozess bedingt an allen Stellen – von der Wirtschaft über Forschung und Bildung bis hin zur Politik – Willensentscheidungen. Vielfach sind es Routineentscheidungen, die durch die Vergangenheit vorgegeben sind. Die wichtigen Entscheidungen aber, die die Zukunft im Kleinen und im Großen, gar im ganz Großen bestimmen, das sind die zukunftsoffenen Willensentscheidungen, denen alternative Wege in die Zukunft vorgegeben sind. Die Zukunft ist überall durch unterschiedliche Interessen, Perspektiven und Planungen alternativ offen. Ohne zukunftsoffene und damit freisetzende Willensentscheidungen ist die Zukunft nicht gestaltbar.

213] Nur mit einem sich immer wieder freisetzenden Willen kann der Mensch sich auf die Höhe der Zeit bringen, kann aktuell vorne mit dabei sein. Der sich freisetzende Wille des Menschen bedingt persönlich und gemeinschaftlich die notwendige Veränderung. Natürlich nur begrenzt in seinem unmittelbaren Wirkungsfeld. Dennoch ist jedes Ich einbezogen in seine expansive Umwelt und in seine Zeitgeschichte. Denn wo andere für oder gegen seine Interesse handeln, funktionieren dieselben Prinzipien der freigesetzten Willensentscheidungen. Auch sie entscheiden in ihrem Bereich letztlich aus sich selbst heraus mit anderen, die auch aus sich selbst heraus entscheiden. Wie groß auch immer die Entscheidung der Mehrheit sein mag, sie basiert immer auf der individuellen Willensentscheidung des Ich.

214] Dieses Prinzip des individuellen, freigesetzten Willens garantiert keine konfliktfreie Welt, weder privat noch global. Ganz im Gegenteil. Alles spricht dagegen, dass der Mensch mit seiner Willensfreiheit in der Lage sein wird, die rasanten Veränderungen unserer Welt durch geistige Willensfreiheit zu steuern und so die drohenden Zukunftsgefahren zu vermeiden. Alles deutet darauf hin, dass der hoch entwickelte Mensch durch seine Anbindung an die Vergangenheit über die Zukunft die Kontrolle verliert und seine Zivilisation in einer ultimativen Katastrophe endet. Kein Weltuntergang, sondern ein Absterben der Menschheit durch Konsensunfähigkeit, mangels Anpassung an die Zukunft, durch falschen Gebrauch der Willensfreiheit. Das wäre ein fatales Ende. Der Mensch wäre dann der Willensfreiheit, einem der höchstwertigen Produkte der Naturevolution, in Missachtung und Überheblichkeit letztlich nicht gerecht geworden.

215] Deshalb müsste die Menschheit dagegen schnellstmöglich eine außerordentliche Kulturleistung vollbringen. Jeder einzelne Mensch und seine Mitmenschen müssten lernen, die Dinge nur so zu entscheiden, dass sie sie vor sich und den anderen, gerade auch den zukünftigen Menschen gegenüber vertreten können. Nur derartige Willensentscheidungen wären ein verantwortliches Handeln auf Zukunft hin. Letztlich liegt die Verantwortung für sich und die Menschen ganz allein im Menschen selbst, in seinen Willensentscheidungen und den daraus folgenden Handlungen. Nirgendwo anders.

216] Von daher müssen wir heute gerade als Humanisten und Atheisten mit aller Kraft Aufklärung betreiben, um möglichst viele Menschen mitzunehmen in die eigene Mitverantwortung für uns und unsere Welt. Wir müssen uns die Kraft und Bedeutung der eigenen Willensentscheidung verdeutlichen und uns ermutigen, uns aus dieser Willenskraft heraus für die Zukunft zu entscheiden:

217] Wir Menschen könnten aus eigener “freien Willenskraft“ autonome Menschen sein, die für sich und ihre Welt verantwortlich entscheiden und handeln.