Diskurs 14.23: Diskursforum

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Aktuelle Diskussion zu Diskurs 14.23

(1) Glanzvolles Gleichnis gelingender Ganzheit

Eine philosophische Deutung des Gedichtes „Der römische Brunnen“
von Conrad Ferdinand Meyer

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die sich verschleiernd überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Ein prächtiger Renaissance-Springbrunnen im Park der Villa Borghese im Herzen Roms, das war der Impulsgeber zu diesem Gedicht. Es gehört zu den schönsten und beliebtesten der deutschen Sprache. 1858 hatte der Schweizer Dichter Conrad Ferdinand Meyer die „ewige Stadt“ besucht und dort ebenso prägende wie beglückende Kunst- und Bildungseindrücke empfangen. Jahrzehnte später, genau 1882, ließ er diese endgültige Fassung drucken.

Was so leichtfüßig daher kommt und als ein großer Wurf zu begeistern vermag, ist längst nicht in einem Wurf entstanden. Zwölf Vorstufen kennt die Germanistik. Immer wieder hat der Dichter – in schöpferischer Selbstkritik – am Text gefeilt, gestrichen, gestrafft, verdichtet. Schließlich lag diese kunstvolle Endfassung vor, die frei ist von jedem überflüssigem Wort.

Am Symbolgehalt eines dreischaligen Springbrunnens vermittelt das Gedicht in klassischer Form eine klassische Botschaft der Lebenskunst. Leben ist Aufstieg und Fall, Aufbau und Abbau, Geburt und Tod. Leben gelingt, wenn Geben und Nehmen, Bewegung und Ruhe im Einklang sind. In der Architektur eines dreischaligen Brunnens stellt sich dieses Gleichgewicht – wenn der Wasserdruck stimmt – von selbst her, gleichsam mechanisch. Im menschlichen Leben muss diese Balance mühevoll erlernt, eingeübt werden.

Oft genug misslingt dieses Kunststück, wie gerade Conrad Ferdinand Meyer leidvoll aus eigener Erfahrung wusste. Dass das wirkliche Leben eher einer Baustelle gleicht als einem harmonisch konstruierten Brunnen, war ihm durchaus vertraut. Hatte er doch wiederholt – wegen verschiedener Leiden, namentlich Depressionen mit suizidalen Anwandlungen – Zuflucht suchen müssen in kantonalen „Nervenheilanstalten“. Insofern formuliert das Gedicht ein Wunschbild, ein Idealbild, ein Leitbild, an dem wir uns immer wieder Klarheit verschaffen können, wie eine wohlgeordnete, eine wohlgeratene, eine wohlgestaltete, eine erfüllte Existenz vorzustellen sei.

Seit Urzeiten spielen Brunnen im menschlichen Leben eine entscheidende Rolle, versorgen sie uns doch mit Wasser, dem lebenswichtigen Gut, das die Natur bereithält. Dementsprechend oft wurden sie poetisch umkleidet und mythisch überhöht. Als unterirdische Brunnen zapfen sie – durch einen Schacht – in der Tiefe Quellen an. Als oberirdische Brunnen stellen sie einen gern besuchten Ort der Begegnung dar und erfreuen Auge, Nase, Ohr. Am heiteren Spiel eines römischen Springbrunnens verdeutlicht der Dichter den Ernst des Lebens, die anzustrebende Einheit von Geben und Nehmen, von Bewegung und Ruhe. Dies alles ist durchdrungen vom übergreifenden Bewusstsein der Vergänglichkeit, der Gewissheit, dass auf jeden Aufstieg ein Fall folgt – ausnahmslos.

(2) Alles fließt (Heraklit)

Spätestens seit Heraklit, dem griechischen Philosophen im fünften vorchristlichen Jahrhundert, ist das Wasser als Verkörperung eines universellen Seinsgesetzes einem aufgeklärten Weltwissen vertraut. „Alles fließt“, lehrte er – in der prägnanten Formulierung eines Späteren –, um den ständigen Wechsel der Dinge, die strukturelle Bewegtheit der Welt, sinnfällig zu bezeichnen. „Ach, und in demselben Flusse schwimmst du nicht zum zweiten Mal“, klagt Goethe in seinem Gedicht „Dauer im Wechsel“. Doch es lohnt sich, genauer hinzuschauen.

Denn wörtlich sagt Heraklit: “Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu. Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben. Wir sind es, und wir sind es nicht.“ Das will sagen: Ein Bad in der Lahn ist unstrittig ein Bad in demselben hessischen Fluss. Denn das Flussbett ist eindeutig geographisch fixiert. Und dennoch gilt auch: Es ist nicht derselbe Fluss, weil seine Wassermoleküle sich ständig austauschen. Und selbst das Flussbett verändert seine Lage im Laufe der der Jahrtausende. Heraklit hat recht: Alles fließt.

Diese „Identität des Nichtidentischen“, wie dieser allgegenwärtige und alltägliche Sachverhalt philosophisch anspruchsvoll auf den Begriff gebracht wird, gilt auch für das badende Subjekt. Es ist unzweideutig dieselbe Person geblieben, deren Identität in ihrer genetischen Struktur und in ihren biographischen Eckdaten vorliegt. Und doch ist die schwimmfreudige Person nicht mehr dieselbe. Sie ist zwei Wochen älter geworden und damit zwei Wochen dichter an ihren Tod heran gerückt. Vor allem aber hat sie inzwischen erfahren, dass ihr Lebenspartner unheilbar erkrankt ist und von daher nichts mehr in ihrem Leben so sein wird wie bisher. Sie ist dieselbe geblieben, und sie ist doch nicht mehr dieselbe, mit Heraklit gesprochen.

Diese feinsinnigen Unterscheidungen im Blick auf die Welt und ihre Einrichtungen dürfen keineswegs als haarspalterisch oder gar unlogisch abgewertet werden. Auch unser Gedicht ist von dieser Denkweise inspiriert, die herkömmlich Dialektik genannt wird. In den beiden letzten Zeilen heißt es verallgemeinernd über das Zusammenspiel von Brunnenschalen und Wasser:

„und jede nimmt und gibt zugleich
und strömt und ruht“.

 

An einem einfachen Beispiel sei vertiefend verdeutlicht, was mit der Einheit von Bewegung und Ruhe gemeint ist. Auch wer regungslos im Bett liegt und schläft, hat teil an den großen Bewegungen der Erde um sich selbst und um die Sonne und ist insofern eingefügt, im wörtlichen Sinne eingebettet, in den Tag-Nacht-Rhythmus und in den Zyklus der Jahreszeiten. Das Schlafbedürfnis ist ein Hauptbeleg dafür, dass die Natur – unbeschadet ihrer unaufhörlichen Bewegtheit – immer auch gebieterisch Ruhezeiten einfordert und ermöglicht. Ohne qualifizierte Ruhezeiten keine qualifizierte Entwicklung. Ohne Ruhe zur Konzentration keine produktive Arbeit.

In diesem Zusammenhang sei gefragt: Was kennzeichnet eine in sich ruhende Persönlichkeit? Eine in sich ruhende Persönlichkeit hat nicht nur ihren sozialen Platz im Leben gefunden, sie hat auch ihren spirituellen Ankerpunkt gefunden. Mit den harten Grundgegebenheiten der menschlichen Existenz hat sie sich arrangiert. Der Sterblichkeit ihrer selbst sowie dem Verschleißcharakter aller Dinge sieht sie gelassen ins Auge. Mit der eigenen Fehlbarkeit und einer altersgemäßen Krankheitsanfälligkeit ist sie vertraut und versöhnt. An den Vorgängen ihrer Zeit nimmt sie Anteil: lässt sich von ihnen bewegen, nicht aber treiben.

(3) Wechselspiel von Geben und Nehmen

Beim Wechselspiel von Geben und Nehmen achtet sie auf das innere und äußere Maß, eine gewisse Ausgewogenheit. Wer immer nur gibt, ohne auch zu empfangen, verausgabt sich, erschöpft sich, überfordert sich und strandet schließlich irgendwo am Wegesrand – ausgebrannt. Wer immer nur nimmt, ohne irgendwann auch Dank abzustatten und etwas zurückzugeben, der oder die lebt auf Kosten anderer, kreist gierig nur um sich selbst und in sich selbst und verkommt in einem ebenso parasitären wie öden Abseits.

Im Volksmund heißt es zupackend und zutreffend: eine Hand wäscht die andere. Die Soziobiologie spricht akademisch abgehoben von reziprokem Altruismus. In der Wirtschaftethik nennt man das Erforderliche kühl Äquivalententausch. Gemeint ist stets ein Gleichgewicht von Leistung und Gegenleistung, von Gabe und Gegengabe, von Dienst und Gegendienst. Dieses Gleichgewicht jeweils herzustellen, ist ein existentieller Grundvorgang. In ihm gründet der Zusammenhalt unseres Lebens, des individuellen wie des gesellschaftlichen Lebens.

„Der römische Brunnen“ ist ein elegantes Kurzgedicht, das zum Auswendiglernen geradezu einlädt. Es ist ein Gedicht für bewegte und für ruhige Zeiten, also für alle Zeiten. Es schenkt uns das gut geerdete Schaubild einer zu sich selbst gekommenen menschlichen Existenz. In strenger Form zeigt es, wie die Dinge im Lot sind. Seinem philosophischen Gehalt nach lebt es von einer großen abendländischen Erkenntnis, der Dialektik, die freilich auch in der asiatischen Weisheit ihre Parallelen hat. Im Motto zu seinem Versepos „Huttens letzte Tage“ bringt Meyer das Ganze noch einmal auf den Punkt:

„Ich bin kein ausgeklügelt Buch,
ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“

„Der römische Brunnen“ gehört zu den Meisterwerken deutscher Sprachkunst. Nicht nur Literaturliebhaber und Eingeweihte können daran Gefallen finden. Als ein lyrischer Springquell kann das Gedicht uns immer wieder inspirieren, wie und wo wir Halt finden im Wirbel unserer Zeit. Sein zugleich nüchternes und tröstliches Gefühlsklima kommt dabei uns allen zugute.

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Autor: Joachim Kahl

Kommentare

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