Diskurs 14.24: Diskursforum

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Aktuelle Diskussion zu Diskurs 14.24

(1) Wir betrachten ein Meisterwerk der italienischen Hochrenaissance, ein Hauptwerk des italienischen Renaissancemalers Tizian.

Bekannt ist dies Bild unter dem Titel „Toilette der Venus“ oder auch „Venus mit dem Spiegel“, in den Maßen 106 mal 136 cm, entstanden um 1555, heute im Original zu bestaunen in der National Gallery of Art in Washington. Tizians besondere Vorliebe für dieses Werk ist daraus ersichtlich, dass er es nicht zum Verkauf frei gab, sondern es für sich selbst in seiner venezianischen Villa aufbewahrte.

Was sehen wir? Ich skizziere in einem ersten Anlauf Bildaufbau und Bildidee. Wir sehen ein Augenblicksgeschehen – im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Wir werden Zeugen, wie Venus, ihres Zeichens Göttin der Liebe und der Schönheit im griechisch-römischen Götterhimmel, vor dem Spiegel sitzend, ihr Altern und damit ihre Sterblichkeit entdeckt. Diese Desillusionierung akzeptiert sie leicht verwundert, aber doch gelassen und wird dafür von einem pausbäckigen Engelchen mit einem Siegeskranz belobigt.

Ein Vanitas-Bild der außergewöhnlichen Art. Die Vergänglichkeit von Jugend und Schönheit wird nicht vor einer schaurigen Drohkulisse mit Knochengerippe und Stundenglas inszeniert. Jugend und Schönheit werden auch nicht religiös herabgestuft zugunsten eines unvergänglichen Heils im Himmel. Vielmehr wird belobigt und belohnt diejenige, die sich souverän mit der eigenen Hinfälligkeit versöhnt. Damit vermeidet Venus falschen Stolz und fügt zur Schönheit des Körpers die Schönheit der Seele hinzu. Lebensgenuss und Einsicht in die eigene Endlichkeit bedingen und durchdringen sich.

(2) Als wohlgestalteter Blickfang prangt vor uns – in der Bildmitte – ein sitzender Halbakt, den Kopf ins Dreiviertelprofil gedreht.

Bild bearbeitet ohne Kranz-Putte

Die blühende, blonde Schönheit mit elegantem Schmuck der Haare und des Körpers, ist gehüllt in edle Gewänder, deren Stofflichkeit und Farbigkeit erheblich zum Wohlbehagen beim Betrachten des Bildes beitragen. Venus schaut nach links, wo ihr ein kleiner draller Engel, ein Putto, einen Spiegel vorhält. Der Spiegel ist ein Zauberspiegel, der die Zukunft enthüllt: eine erkennbar gealterte Venus mit erschlaffter Haut im Gesicht und am Oberarm. Eben diese gealterte Venus ist es, die den Betrachter mit einem Auge frontal anschaut, fast stechend anschaut, und uns damit ohne Worte anspricht. Nonverbal bedeutet sie uns: Nicht nur sie als Göttin, auch wir gehören zur Schicksalsgemeinschaft der Sterblichen, dem ehernen Kreislauf von Aufblühen und Verwelken unterworfen.

Bild bearbeitet Venus solitär

In der Sitzfigur der Venus vor dem Spiegel hat Tizian kein individuelles Porträt gemalt, sondern ein repräsentatives Idealbild weiblicher Schönheit geschaffen – ein Sachverhalt, den die männerdominierte Geschichte der Malerei und Bildhauerei seit Jahrtausenden kennt. Venus sitzt vor uns auf einem thronartigen Stuhl mit hoher Lehne in der klassischen Pose der „Venus pudica“, der schamhaften Venus, die mit der einen Hand den Busen, mit der anderen Hand die Scham zu bedecken versucht. Diese Pose entbehrt nicht der Koketterie. Denn das halb Bedeckte ist zugleich das halb Enthüllte. Hier bei Tizian bedeckt der prunkvolle Pelzbesatz ihres Gewandes die Scham und bildet doch zugleich das Schamhaar im Rundbogen anspielungsreich nach.

Über der Szene liegt ein warmer, satter, goldener Farbton, hervorgerufen vor allem durch das Dunkelrot des kostbaren Gewandes aus Samt mit Pelzbesatz und Seidenstickerei. Dieses Dunkelrot in der Art eines Mahagonierotes gilt als koloristisches Markenzeichen Tizians und wird daher auch als Tizianrot bezeichnet. Tizianesk ist ebenfalls die sinnliche Freude am reichen Körperschmuck der Venus: Ketten, Ringen, Reifen an Fingern und an Armen, Perlen im kunstvoll frisierten und geflochtenen Haar.

Peter Paul Rubens malt um 1610 eine Kopie des Tizianbildes nur mit der Venus-Putte mit dem Spiegel

Das Bildthema „Venus vor dem Spiegel“ hat Tizian nicht erfunden, er hat es vorgefunden und charakteristisch umgeprägt. Aus zwei Dienerinnen oder auch zwei Kavalieren, die den Spiegel halten, werden zwei Putten. Statt bei eitler Selbstbespiegelung behilflich zu sein, leisten sie einen Dienst zur vertieften Selbsterkenntnis. Der geflügelte Knabe rechts hat Wichtigeres zu tun, als seine Liebespfeile abzuschießen. Deshalb liegt sein gefüllter Köcher zu seinen Füßen. Er ist damit beschäftigt, einen schwarz gerahmten Spiegel in Augenhöhe der Venus zu halten und in ihr Blickfeld zu drehen. Dass er sie damit überraschen möchte, zeigt das herunter rutschende Tuch in seiner linken Hand, das den Spiegel bis eben bedeckt hielt.

Bild Original mit Kranz- und Spiegelputte

Bei Tizian selbst wird im nächsten Augenblick ein zweiter Engel-Knabe der Venus einen Kranz aufs Haupt drücken: einen Kranz, der erkennbar kein Lorbeerkranz ist. Denn ein Lorbeerkranz mit seinen unverwelklichen immergrünen Blättern symbolisiert seit der Antike Unsterblichkeit, mindest unsterblichen Ruhm. Der tizianische Kranz dagegen mit seinen farbigen Blüten prämiert – in sich stimmig – die Einsicht in das Trügerische dieser Erwartung.

(3) Stoisch-epikureische Selbsterkenntnis vor dem Spiegel, belohnt mit einem Siegeskranz.

Tizians Bild erteilt dem Traum ewiger Jugend eine Absage. Ewige Jugend wäre ewige Unreife. Die Bildidee ist ihrer philosophischen Qualität nach stoisch-epikureisch. Stoisch ist die gelassene Einwilligung in das Unabänderliche, hier in das Naturgesetz des Alterns und Sterbens. Epikureisch ist die Schlussfolgerung daraus, gleichwohl dem Leben alle Reize abzugewinnen, die es in seiner Endlichkeit bereithält. Im Unterschied zu mittelalterlichen Totentänzen und barocken Darstellungen, wo hinter der Maske der Schönheit der Tod lauert, arbeitet Tizian nicht mit Angstmacherei und mit Drohung. Er setzt auf positive Verstärkung und belobigt die Akzeptanz der eigenen Vergänglichkeit. Sinnlichkeit wird von Weisheit durchdrungen. Der Schönheitsbegriff wird verinnerlicht und durchgeistigt, ohne die Lust an Haut und Haaren, an Stoffen und Spiegeln zu verleugnen, ohne das Vergnügen an einer feinen, glatten, geschmückten Oberfläche zu unterdrücken.

Das Bild strahlt Stille und Würde aus. Es vermittelt die tröstliche Botschaft, dass auch Göttinnen dem Zahn der Zeit unterworfen sind. Insofern ist es nicht nur eine melancholische Huldigung an Frauenschönheit, sondern an das menschliche Dasein insgesamt. In einem Augenblicksgeschehen scheint die Flüchtigkeit aller Dinge auf. Ohne Worte werden wir ermuntert, uns damit zu versöhnen. Das warme, satte Farbklima schmeichelt unseren Sinnen und streichelt unsere Seele. In jeder Wohnung wäre das Bild eine Zierde, eine weltliche Ikone der Selbstvergewisserung. Jeder verstehende Blick, den wir darauf würfen, verliehe unserem Alltag einen Zugewinn an emotionalem Tiefgang.

Mögen Tizians Kaiser- und Papstporträts, seine Altar- und Madonnenbilder heute vornehmlich kunst- und kulturgeschichtlich interessant sein. Sein Werk “Toilette der Venus“ spricht uns Mesnchen des 21. Jahrhunderts unmittelbar an. Seine künstlerische Gestalt und sein ideeller Gehalt machen das Bild zu einem bleibenden Leitbild für nachdenkliche Menschen.

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Autor: Joachim Kahl

Kommentare

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