Buch 03: Die Entwicklung des Geistes

Die Lehre von der Erkenntnis

Diskurs 03.02


Aristoteles´ Lehre vom Geist
und seine Theorie vom unbewegten Beweger.
Historischer Rückblick auf die Anfänge des geistigen Materialismus

(1) Die ionischen Naturphilosophen erkannten als die ersten Denker überhaupt die Materie als Grundlage des Seins und damit auch des Geistes.

Speziell in der damals bedeutenden altgriechischen Stadt Milet an der kleinasiatischen Küste lebten um -6001 die ersten kritischen Vernunftphilosophen. Sie zogen aus ihren Naturbeobachtungen heraus den Schluss, dass Materie die Grundlage des Seins sein müsse:

Thales  (-625 bis -547) erklärte zum Urstoff allen Seins:
griechisch:
Im Anfang war das  Wasser
EN ARCHE  en  TO HYDOR
Anaximander (-610 bis -546)
erklärte:
griechisch:
Im Anfang war das Unbegrenzt-Stoffliche
EN ARCHE  en  TO APEIRON
Anaximenes (-585 bis -526) erklärte:
griechisch:
Im Anfang war die Luft
EN ARCHE  en  HE AER

Das berühmte Markttor der antiken Stadt Milet

Diese Männer aus Milet in Kleinasien waren die ersten Materialisten, weil sie den Ursprung2 der Natur und damit den Ursprung allen Seins zum ersten Mal ohne Götter rein aus einem materiellen Urstoff erklärten. Dieser jeweiliger Urstoff war ihnen der absolute Anfanggriechisch: ARCHE: Nicht geschaffen, ohne Ende, immer schon als Grundlage da und unveränderlich. Aus ihm musste alles Bestand haben.

Die fundamentale Bedeutung des  EN ARCHE – im Anfang  haben die Naturphilosophen also nicht zeitlich definiert als zeitlichen Beginn, also von nun an. Sie haben ARCHE immer ontologisch verstanden als Seinsgrund, als Wesenssubstanz, als Wirklichkeitsqualität, eben als Urstoff. Insofern haben sie zwar wesensmäßig materiell gedacht, aber nicht zeitlich evolutionär. Ihr Weltbild blieb statisch, in sich geschlossen, ohne Anfang und ohne Ende, ohne zeitliche Entwicklung. Deshalb ist ihr Kosmos immer mythisch geblieben, ein innerer Kreislauf in ewiger Wiederkehr. Sie sind erkenntnismäßig nicht durchgestoßen zu einem linearen materiellen Ablauf von einem Anfang aus auf ein Ende zu, kein einmaliges Werden und Vergehen.

Keiner dieser frühen Materialisten hat den Geist als ARCHE, als Urstoff des Seins, bezeichnet. Der Geist war ihnen keine materielle Ursubstanz, nichts Ewiges. Ihnen war der Geist etwas immer erneut Werdendes, denn der Geist entsteht, um zu vergehen und wieder zu werden. Deshalb konnte er auch nicht ARCHE, nicht der Anfang sein, weil eben nicht ewig. Deshalb war der Geist auch nicht Schöpfer, denn dann hätte er als Ursubstanz an einem zeitlichen Beginn stehen müssen, den es für sie gar nicht gab.

Folglich hat für die frühen Materialisten der materielle Urstoff aus sich heraus den Geist geschaffen, nicht etwa der Geist den materiellen Urstoff. Der Geist also ist materiell geworden und damit auch alles, was aus dem Geist kommt: Das Denken und die Gedankenwelt des Menschen.

Und die Götter, allzumal der oberste Gott? Sind die Götter denn keine geistigen Wesen, die den Urgrund des Seins darstellen? Den frühen Vernunftdenkern in Milet drohte mit ihrer Behauptung des materialistischen Ursprungs in der Frage nach den Göttern eine dramatische Schlussfolgerung.

(2) Die Götterkritik der frühen ionischen Naturphilosophie.

Die Antwort auf die Götter konnte naturphilosophisch logisch nur die Schlussfolgerung sein: Wenn es nur eine einzige real existierende Welt gibt, die materielle Natur, dann kann das Geistig-Göttliche nicht außerhalb der materiellen Welt, weder vor noch über ihr, noch sonst irgendwo extern sein. Das Geistige und damit auch das Geistig-Göttliche kann dann nur seinsimplizit in der Welt selbst entstanden sein – als Produkt der Denk- und Gedankenwelt des Menschen. Auf diesem Hintergrund versteht sich

Xenophanes aus Kolophon, der erste Religionskritiker

Xenophanes aus Kolophon (-565 bis -470). Kolophon, ein Ort wenig südlich von Milet.
Auch Xenophanes war somit Ionier, ionischer Grieche, wenngleich er später lange Zeit als Philosoph in Elea in Unteritalien gelebt hat. Er stand in der materialistischen Tradition der drei großen frühen Mileter Thales, Anaximander und Anaximenes. Auch für ihn war die ARCHE, der materieller Urstoff, der ewige Seinsgrund. Er stand später den beiden anderen Philosophen in Elea Parmenides und Zenon nahe, die wir zusammen als Eleaten eher als die ersten Pantheisten3, bezeichnen.

Aus der naturphilosophischen These, dass der Urgrund des Seins Materie sei, zog Xenophanes den folgenschweren Schluss: Auch die Götter selbst sind nicht Ursache des materiellen Entstehungsprozesses, sondern auch sie sind dessen Produkte. Ja, die gesamte Götterwelt ist nichts anderes als Produkt der Gedankenwelt des menschlichen Geistes. Von daher der berühmte ironisierende Lehrspruch von Xenophanes, von ihm in griechischen Hexametern geschrieben:

Hätten Kühe, Pferde oder Löwen Hände und könnten damit malen und Werke schaffen, dann
würden Kühe ihre Götter wie Kühe, Pferde ihre Götter wie Pferde, Löwen ihre Götter wie Löwen malen
und solche Gestalten schaffen, die sie selber haben.

Menschen können malen. Also malen die Menschen ihre Götter wie Menschen. Der griechische Götterhimmel ist voll von menschgestaltigen Göttern, bei denen von Sex bis zur Niedertracht, von Neid und Rachsucht bis zum Verrat und Betrug alles vorkommt, was auch bei den Menschen vorkommt, nur gleichsam in einer etwas höheren sozialen Etage.

Schon bei Xenophanes also entsteht die Kritik, dass die Götter nicht der Urgrund sind. Die Götter sind im Kopf des Menschen entstanden. Deshalb sind die Götter auch anthropomorphe Wesen, menschgestaltig (griechisch: anthropos – Mensch; morphe – Gestalt). Mit Xenophanes also erreicht schon das ganz frühe Vernunftdenken die Einsicht, dass die Götter oder auch ein Gott, etwa Zeus, selbst nicht Ursache des materiellen Entstehungsprozesses sein könnten, sondern selber nur dessen Produkte.

Fast 2000 Jahre später, 1841 in seinem berühmten Buch DAS WESEN DES CHRISTENTUMS, wird Ludwig Feuerbach mit seiner neu fundierten atheistisch-materialistischen Kritik am biblisch-christlichen Gott diese Xenophanes-Argumentation aufnehmen: Das göttliche Wesen sei nichts anderes als das menschliche Wesen. Redet der Mensch von Gott, dann redet er von sich selbst. Gott sei die Projektion des Menschen.

(3) Die Immanenz-Theorie der attischen Philosophie.

Von Milet und der kleinasiatischen Küste sprang die Naturphilosophie auf das griechische Festland nach Athen über. Der erste bedeutende ionischen Naturphilosoph in Athen war

Agora

Anaxagoras aus Klazomenai in Ionien (-500 bis -428).
Auch Klazomenai war nicht weit von Milet entfernt. Etwa um das Jahr -430 kam Anaxagoras von dort nach Athen. Dass er eine enge geistige Verwandtschaft zu den Miletern hatte, wird durch seinen Auftritt auf der Agora, dem Marktplatz von Athen, dokumentiert. Dem Thales sehr ähnlich erklärte er dort den frommen Athenern, dass die Sonne überhaupt keine Gottheit sei, sondern nichts weiter als ein glühend roter Stein. Wir wissen, dass die Athener darüber so erschüttert waren, dass sie ihn wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilten und er nur mit Hilfe seines Freundes Perikles der Tötung knapp entkommen konnte.

Trotz dieser Übereinstimmung formulierte Anaxagoras in Athen einen sensationellen Satz, der von den Miletern fundamental abwich. Er erklärte:

Im Anfang war der Geistgriechisch: EN ARCHE  en  HO NOUS.
Der materielle Urstoff allen Seins ist der Geist,
der Urgrund alles Lebens, alles Denkens und aller Willenskraft. In ihm liegen Ursache und Ziel, die Ordnung des Gesamten und damit das Sein überhaupt. Genau diese Behauptung war von den frühen Miletern bewusst vermieden worden.
Im Anfang
war der Geist klingt natürlich metaphysisch, so als würde Anaxagoras den Geist im dualistischen Kontra zur Materie als eine jenseitige göttliche Qualität deuten. Doch diese Deutung ist auf Anaxagoras hin absolut verboten. Anaxagoras trennt den Geist nicht vom Körperlich-Gegenständlichen. Der Geist bleibt für ihn Materie, allerdings in feinster Form, Äther gleich (griechisch: aither) wie reinste Himmelsluft – aber Natur. Auch für Anaxagoras also ist der Geist kein jenseitiger Weltenschöpfer, denn die Materie ist auch ihm als ionischen Naturphilosophen ewig, deshalb ungeschaffen diesseitig. Eine Metaphysik, eine Transzendenz aus dem Geist heraus ist mit Anaxagoras nicht zu behaupten.

Für Anaxagoras war und ist das völlig klar. Dennoch hat diese Definition endlose Irritationen ausgelöst. Durch die Jahrhunderte hindurch bis hinein in unsere gegenwärtige Schulphilosophie wird Anaxagoras meistens unbewusst, oft bewusst, falsch interpretiert, so als hätte er mit dem Urstoff Geist den Geist Gottes, ja gar den Geist des christlichen Gottes gemeint und vernunftgemäß gesichert. Das aber ist völlig falsch. Richtig ist, dass der große Aristoteles nachfolgend die materielle Geistlehre von Anaxagoras aufgenommen und zu einer metaphysischen Geistlehre ausgebaut hat mit seiner Theorie der Geist sei ein unbewegter Beweger. Damit hat Aristoles bis heute größte Irritationen ausgelöst.

(4) Aristoteles´ Lehre vom Geist und seine Theorie vom unbewegten Beweger.

Aristoteles

Aristoteles aus Stagira in Makedonien (-384 bis -322)
Als Aristoteles das erste Mal (-367 bis -347) nach Athen kam, wurde er in die platonische Akademie aufgenommnen und hat dort lange Jahre an der Seite des großen Philosophen gearbeitet. In dessen letzten Jahren aber hat er sich mit Platon zunehmend gestritten. Ihre unterschiedlichen Meinungen über das Wesen der diesseitigen Welt drifteten immer stärker auseinander. Dabei stritten sie letztlich über den Begriff LOGOS, der im Denken des Sokrates eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Sokrates hatte in seiner Verteidigungsrede während seines Prozesses festgestellt, er habe sich sein ganzes Leben lang nach dem LOGOS gerichtet, der sich seinem Verstand als der richtige erwiesen habe.

Was bedeutete dieser sokratische LOGOS?

Für Platon lag der LOGOS, das wahre Sein, in einer Welt der Ideen. Für ihn waren die ewigen Idealbilder des Daseins im Transzendenten unzerstörbar und damit unvergänglich niedergelegt. Diese Ideen (griechisch: eidea) galten ihm als die Urbilder des Wirklichen. Unsere diesseitige Welt sah er dagegen diesen transzendenten Urbildern nur nachgebildet, nur als ihre Schatten, als blassen Widerschein des Glanzes der Ideenwelt. Unsere Welt hier auf Erden, alles Materielle war ihm minderwertig, vergänglich, nicht wirklich bedenkenswert. Mit seinem berühmten Höhlengleichnis4 ist diese antimaterialistische Weltsicht populär gemacht geworden: Nicht eigentlich unsere gelebte materielle Welt, sondern die nur im Glauben zu erfahrende Ideenwelt ist der wirkliche Gegenstand der hohen erhabenen Philosophie.

Für Aristoteles lag dagegen der LOGOS, das wahre Sein, immer klarer in unserer diesseitigen materiellen Welt selber. Für ihn gab es keine jenseitige Welt der Ideen. Aristoteles behauptete gegen Platon letztlich ein rein immanentes Wirklichkeitsmodell:

- Die Welt besteht aus dem Stofflichen, also aus Materie (griechisch: hyle), die für ihn ewig ist.
- Die Ideen stecken als Gestaltungsformen (griechisch: morphe) bereits im Materiell-Stofflichen.
- Die Entwicklung der Welt ist durch die in der hyle vorgegebenen morphe in der Natur inhärent als Ziel (griechisch: telos) vorgegeben.
-
Die Natur selbst (griechisch: physis) also ist Träger der Ideen.
- Deshalb gibt es nur eine materielle Welt als das Natur-Gesamte, das All (griechisch: kosmos). Sinn und Ziel des Seins sind also begründet in dieser einen diesseitigen Welt der Natur. Deshalb ist die Wirklichkeit auch vom Prinzip her mit dem Verstand naturwissenschaftlich zu erforschen und zu erklären.

In dieser geistigen Konfrontation entwickelte sich der dramatische Gegensatz zwischen Platon und Aristoteles bis zu dessen Tod und darüber hinaus bis in unsere Welt heute, denn dieser Konflikt erscheint bis heute nicht letztgültig erledigt: Auf der einen Seite das philosophisch-theologische, das transzendente, auf der anderen Seite das naturwissenschaftlich-säkulare, das immanente Seinsmodell.

Als Aristoteles (-335 bis -322) nach Athen zurückkehrte, um hier zum zweiten Mal5 6) philosophisch tätig zu werden, gründete er in Athen seine eigene Philosophenschule, das Lyzeum. Deren Schüler nannten sich später Peripatetiker nach der Wandelhalle (griechisch: peripateion), in der ihr Lehrer Aristoteles mit seinen Schülern philosophierend zu wandeln pflegte. Aristoteles baute in diesen Jahren eine philosophische Forschungsgemeinschaft auf, die nahezu auf allen damaligen realen Wissensgebieten auf hohem wissenschaftlichen Niveau gearbeitet hat.

Die Wandelhalle des Atticus auf der Agora in Athen

Dabei hatte er seine Auseinandersetzung mit Platon keineswegs vergessen, ganz im Gegenteil. Bei aller Detailarbeit an weltlichen Sachfragen interessierte ihn brennend die Frage nach einer Supervision der Physik, die Frage also, wie sich denn alles Natürliche als ein Ganzes in sich zusammenfügt, was denn - so lässt später Goethe seinen Faust fragen – die Welt im Innersten zusammenhält. Wenn ich vieles, ja, immer mehr, schließlich gar alles an der Natur erkannt hätte, was würde sich nach (griechisch: meta) der Natur/Physik (griechisch: physis) meinem Verstand als letzter Grund des Seins – als Meta-physik – darstellen? Was würde sich mir als das Letztgültige, als der LOGOS im Sinne von Sokrates erweisen?

Auf diese Frage stellt Aristoteles seine Lehre vom Geist in den Mittelpunkt seiner Metaphysik. Zur Grundlegung seiner Geistlehre greift er zurück auf Anaxagoras und damit auf die ionische Naturlehre. Hatte Anaxagoras doch schon auf der Agora von Athen gelehrt, der Urstoff der Natur sei der Geist und spricht dabei griechisch von  nous als Geist, Verstand, Vernunft. Daraus folgert Aristoteles:
Der Urgrund allen Seins ist der Geist, die Vernunft – EN ARCHE en HO NOUS.

Bei diesem Rückgriff auf Anaxagoras verschweigt Aristoteles allerdings, dass Anaxagoras im Sinne ionischer Naturphilosophie den Geist als Materie definiert hat, dass also für Anaxagoras als Naturphilosophen der Geist materiell und damit ein rein weltlicher Bestandteil eines ewigen innerkosmischen Kreislaufs ohne Anfang und ohne Ende sei.

Mit seiner Loslösung des Geistes von der Materie machte Aristoteles einen ersten riskanten Denkschritt: Die Entmaterialisierung rückte seine Geistlehre in große Nähe zur Idealisierung des Geistes im Sinne der jenseitigen Ideenwelt Platons. Sie gab seiner Geisterklärung von Beginn einen entschwebenden immateriellen Charakter. Er könne, so stellt Aristoteles plötzlich fest, den Geist in seiner Wertigkeit der Materie nicht (mehr) gleich setzen. Der Geist müsse von anderer Wesensart sein als das Materielle.

Domino-Day

Um diese Feststellung genauer zu erklären, macht Aristoteles einen zweiten riskanten Denkschritt: Er benutzt zur Erklärung seiner Geistlehre sein berühmt gewordenes Bild vom unbewegten Beweger. Dieses Bild vom unbewegten Beweger beschreibt den bekannten Domino-Effekt: Jede Bewegung ist angestoßen von einer vorausgehenden Bewegung. Wo Bewegung ist, hat es immer einen Anstoß gegeben. Sie löst zugleich eine neue Bewegung aus, eine in sich endlose Bewegungskette7.

Dieser Domino-Vergleich ist Aristoteles´ gewichtiges Gegenstück zum Höhlengleichnis Platons. Also ein zentraler Gedanke. Dazu zunächst unsere Frage: Wie kommt Aristoteles auf dieses Bild, und warum benutzt er es so zentral in seiner Geistlehre?

Es kann kaum ein Zweifel bestehen, dass Aristoteles damals bei seinem zweiten Besuch in Athen die neue Naturlehre des Demokrit aus Abdera kannte. Demokrit war um -390 in Athen aufgetreten und hatte gelehrt: Wenn man einen Gegenstand immer wieder um die Hälfte teilt, kommt man zwangsläufig an den materiellen Endpunkt, an dem das letzte Materieteilchen nicht mehr teilbar ist, eben auf das unteilbare kleinste Teilchen (griechisch: atomos). Dieses Atom ist der Urteilchenstoff eines jeden Phänomens. Diese kleinsten Materieteilchen sind, eben weil Materie, ewig, in sich ruhend, unveränderbar. Sie bewegen sich in einem ewigen leeren Raum. Demokrit argumentiert damit in einer logischen Beweiskette, die im empirisch säkularen Rahmen im Materiell-Realen endet. Demokrit kommt dabei mit dem atomos auf den materiellen Urgrund allen Seins8. Er ist absoluter Materialist.

Aristoteles entwickelt mit dem Domino-Effekt ebenfalls eine logische Beweiskette, offenbar ganz bewusst parallel zu Demokrit. Aristoteles lehrt: Jede Bewegung entsteht durch eine vorausgehende Bewegung, aus einem Anstoß. Jede Bewegung lässt sich so auf ihre Ursache zurückverfolgen und führt deshalb nach hinten in ihre Vergangenheit, in ihre Entstehung und damit auf ihren Ursprung zurück. Bis dahin ist – parallel zu Demokrit – auch dieser Vergleich eine empirische Feststellung, eine Tatsache, genau und schlüssig beobachtet, von jedem Mitdenkenden logisch nachvollziehbar.

Von daher behauptet Aristoteles mit seinem Domino-Bild seine neue Vernunfterkenntnis in drei Grundaussagen:

Erstens: Der fortlaufende Bewegungsablauf, in dem eine Bewegung die andere Bewegung anstößt, ist ein genereller innerweltlicher materieller Prozess. Egal, wie lang die Kette zurück zu verfolgen ist. Am Ende muss ein Anstoß stehen, der eine Bewegung und die Kette aller ihr folgenden Bewegungen in Gang gesetzt hat. Daraus folgt: Dann muss es von jeder bestehenden Bewegung rückwärts einen zeitlichen Anstoß geben, dem wieder ein Anstoß vorausgeht, wieder und wieder. Schließlich muss es einen exakten zeitlichen Punkt geben, an dem der allererste Anstoß der Welt war. Es muss eine Uraktion gegeben haben, die den Fluss der Bewegung in Gang gesetzt hat. Panta rei – alles fließt – in eine Richtung nach vorn9. Der Domino-Vergleich impliziert einen allerersten Versuch eines Evolutionsprozesses.

Diese Entdeckung steht dem damaligen Erkenntnisstand nahezu der gesamten altgriechischen Naturkenntnis diametral entgegen. Nicht nur für Platon mit seiner Ideenlehre, auch für Demokrit und alle naturphilosophischen Materialisten mit ihrer Naturlehre konnte die Antwort darauf nur heißen10: Es gibt keinen zeitlichen Anfang. Die Welt läuft in einem ewigen Kreislauf ohne Anfang und ohne Ende. Wie die Sonne, die jeden Tag aufgeht und untergeht und wieder aufgeht. Wie das Jahr, das sich mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter immer neu wiederholt. Ein Anfang und Ende ist deshalb in der Natur zeitlich nicht auszumachen, eine lineare Kosmosentwicklung aus der Natur nicht empirisch nachweisbar. Sie ist nicht vernunftgemäß.

Aristoteles behauptet dagegen mit seinem Domino-Vergleich, dass der Urgrund des Seins, die ARCHE, eben nicht ontologisch als einen ewigen Kreislauf, sondern als einen zeitlichen Beginn, von dem die Welt in einem bestimmten Augenblick angestoßen, mechanisch-physikalisch abläuft. Aristoteles´ Domino-Vergleich zerstört damit das mythisch-zeitlose Weltverständnis der griechischen Mythologie und frühen Vernunftphilosophie.

Zweitens: Das bedeutet aber zugleich: Dieser Ablauf in sich kann selbst nicht der Urgrund, die ARCHE sein, eben weil er, selbst angestoßen, nur Folge ist. Alles was angestoßen worden ist, ist selbst nur Wirkung einer Ursache, selbst wenn es die Bewegung anstoßend weiter gibt. Deshalb muss es allen angestoßenen Bewegungen voraus eine Ursache anderer Qualität geben. Eine Qualität, die auch bewegt, sich aber darin unterscheidet, dass sie selbst nicht angestoßen in sich ruhend, nicht bewegt worden ist11. Aus dieser Überlegung entsteht die These vom unbewegten Beweger am Anfang der Welt.

Drittens: Als den unbewegten Beweger, als prima causa und damit absolute Ursache, aus der heraus sich alles bewegt, setzt Aristoteles gemäß seiner Geistlehre den nous - den Geist. Der immaterielle Geist, die Vernunft, ist die prima causa, ist die Letztbegründung aller Dinge im Sinne des sokratischen LOGOS.

Erkenntnistheoretisch ist Aristoteles´ unbewegter Beweger eine rein fiktive Setzung, eine spekulative Behauptung, die durch nichts bewiesen ist. Auch nicht durch das Domino-Bild, denn das sagt nichts Konkretes über Wesen und Struktur des beliebig gesetzten ersten Anstoßes aus. Deshalb bleibt das Domino-Beispiel für eine konkrete Schlussfolgerung völlig ohne jede wissenschaftliche Beweiskraft. Die Antwort ist ein Syllogismus, eine deduktive Ableitung: Aristoteles beantwortet eine völlig offene Frage mit seiner völlig unbewiesenen Erfindung einer immateriellen Wesenheit des Geistes.

Aristoteles befand sich damit mitten im Umbruch seines Denkens in einer äußerst schwierigen Situation. In seiner eigenen Wirklichkeitserforschung ließ er als Erkenntnis immer nur exakte empirische Beweise gelten. Für deren Gültigkeit hatte er selber nicht nur strengste Bemessungskategorien vorgegeben, sondern auch erkenntnislogische Schlussfolgerungen für wissenschaftliche Beweisführung. Ihm, der so für das Erkennen der physikalischen Welt neue Kategorien entworfen und definiert hatte, fehlten für eine immanente Metaphysik die naturwissenschaftlichen Begriffe (weil Erkenntnisse), die im Sinne von Kant die denkende Erfassung von Wahrnehmungsinhalten erst ermöglichen und absichern. Damit fehlte ihm für seinen unbewegten Beweger noch jegliche reale Evidenz. Ihm fehlte das Grundwissen über E=MC².

So konnte er gar nicht anders, als seine neue Erkenntnis in alten philosophischen Begriffen auszudrücken. Deshalb musste er zwangsläufig auf spekulative Bilder zurückgreifen, um seine neue Erkenntnis fassbar zu machen. Er musste sie gedanklich an die höchste Stelle platzieren, um ihre Bedeutung zu sichern. So spricht er von dem obersten Seinsprinzip als immaterieller Geist, als Vernunft, als die Ideen. In der Weiterung spricht Aristoteles sogar abstrakt von Gott, in dem der Geist gegründet ist. Das brachte ihn gefährlich in die Nähe spekulativer Theologie.

Die Schüler Platons haben sich über Aristoteles amüsiert – damals bis heute. Für sie hatte sich Aristoteles mit seinem Domino-Bild total in platonischen Gedanken verfangen. Der große Aristoteles, der Lehrer der immanenten Realität, argumentiert in seiner Metaphysik mit einem spekulativ-transzendenten Antrieb, mit dem immateriellen Geist – also mit ewigen Ideen – sogar mit Gott. Das war doch haargenau Platon. Entsprechend haben die Platoniker aus Aristoteles einen platonisierten Aristoteles gemacht.

Zur Beurteilung der aristotelischen Metaphysik gibt es drei Deutungsmöglichkeiten:

- Entweder hat sich Aristoteles mit dem von ihm gewählten Domino-Vergleich wirklich völlig verrannt. Das Bild hatte sich in seinem Denken so verselbstständigt, dass es ihn zu Schlussfolgerungen zwang, die von ihm im Blick auf seine empirische Gesamtwissenschaft überhaupt nicht gewollt waren. Natürlich hätte er schnell begreifen müssen, dass er mit dem Bild in einer transzendenten Gedankenfalle saß und den Vergleich schnellstens aus der Welt schaffen müssen, um seine immanente Wirklichkeitslehre aus dem religiösen Zwielicht zu befreien.

- Oder Aristoteles wollte wirklich von sich aus einen transzendenten Beweis für seine immanente Wirklichkeitsforschung antreten und damit zu Platons Geist- und Ideenlehre zurückkehren. Dann aber hätte er damit sein rein immanentes Weltbild relativiert, ja, seine Immanenztheorie der Wirklichkeit vom Prinzip her selbst aufgehoben. Aristoteles war und wäre dann eigentlich gar kein Denker auf dem Weg zum naturwissenschaftlichen Forscher, sondern doch nur ein transzendent spekulierender Philosoph.

- Etwas Drittes ist für den scharfsinnigen Aristoteles höchst wahrscheinlich: Innerhalb der altgriechischen Philosophie12 entdeckt er mit dem Domino-Vergleich das Evolutionsprinzip und damit das lineare Geschichtsmodell, unser heutiges Weltzeitsystem: Die Welt hat einen ursächlichen zeitlichen Beginn. Von ihm läuft eine Evolutionskette ab mit innerweltlicher Ursache und Wirkung. Darin liegt das sensationell Neue: Die Welt läuft – von hinten weg nach vorn gemäß einem säkularen Kausalitätsprinzip von Ursache und Wirkung.

Erkenntnistheoretisch hätte das Bild vom unbewegten Beweger so die Funktion eines Platzhalters für das säkulare Weiterdenken auf ihre letzte weltliche Ursache hin: Das Bild eröffnet die wissenschaftlichen Suche nach der prima causa der weltlichen Wirklichkeit – gerade auch um den ewigen mythischen Kosmos aufzulösen. Seine Hypothese vom unbewegten Beweger ist ihm so der Einstieg in die Suche nach der höchst denkbaren Kraft der Immanenz, nach der Energiequelle, nach dem  E=MC² im Rahmen und im Sinne seiner Wirklichkeitsforschungen.

Er wollte auf der Basis seiner vielen Welterkenntnisse mit seiner empirisch-immanenten Metaphysik den Schlussstein bilden für die innerweltliche Seinsganzheit, eine THEORIE VON ALLEM, die große VEREINHEITLICHTE THEORIE, die M-THEORIE13.

(5) Hilfreicher Exkurs zum Erkenntnisprozess des Aristoteles:
Die Hypothese als Platzhalter für das säkulare Weiterdenken.

1. Dieser geistesgeschichtliche Umbruch im aristotelischen Denkprozess hat sich sehr ähnlich wiederholt im Deismus um 1700 am Anfang der französischen Aufklärung gegen das alte christliche Weltbild. Die damals neu aufbrechende Vernunftphilosophie der Aufklärung speziell bei Voltaire setzte alles daran, den biblischen, mythisch-religiösen Schöpfergott radikal außer Kraft zu setzen.

2. Damit war der Deismus gezwungen, die Entstehung der Welt vom Ursprung her naturwissenschaftlich nicht nur zu behaupten, sondern auch zu erklären. Es bestand die Notwendigkeit, das alte religiöse Weltbild durch ein neues naturwissenschaftliches Weltbild zu ersetzen, speziell eine neue Erklärung für die Entstehung der Welt zu geben.

3. Vernunftgemäß logisch setzten die Deisten zunächst einmal an die Stelle des biblischen Gottes die logisch abstrakte Formel prima causa, religiös-neutral, empirisch offen. Das war für sie die Stelle, die von ihnen als Ursprung naturwissenschaftlich erklärt werden musste. Prima causa war praktisch der Platzhalter für das, was sie noch nicht genauer wussten, aber zu erklären hatten.

Notre Dame in Paris – Das Wahrzeichen der Macht der Kirche

4. Auf Platz eins ihrer prima-causa-Formel setzten sie die Vernunft. Die Vernunft war ihnen das Höchste, was sie sich als Aufklärer denken konnten, der höchste Wert des Seins überhaupt. Da sie keine andere Höchst-Kategorie hatten, nannten sie ihren Höchstwert lateinisch: DEUSGOTT. Sie meinten damit nicht den christlichen Gott, griechisch: THEOS. Mit dem wollten sie absolut nichts zu tun haben. Deshalb war ihnen DEUS – GOTT kein existentieller Glaubenswert, sondern vielmehr ein wissenschaftliches Markenzeichen. Von daher ihr eigener Name Deisten und bis heute ihre Philosophie Deismus.

5. Wie wertlabil diese Bezeichnung DEUSGOTT war, zeigt sich daran, dass in ihrer Tradition die Vernunft dann Göttin genannt wurde. Vernunft war weiblich, deshalb Göttin der Vernunft. Praktisch ist dieser Erklärungsversuch mit der Göttin der Vernunft als oberstes Weltprinzip total entartet. Nach der Französischen Revolution wurden in der altehrwürdigen Kathedrale Notre Dame in Paris statt Gottesdienste Kultfeste zu Ehren der Göttin Vernunft gefeiert, die zunehmend in Sexorgien und Saufgelagen endeten. Ein entsetzliches Debakel.

6. Dagegen entwickelt sich dann immer stärker eine wirkliche naturwissenschaftliche Forschung mit rein empirischen Arbeitsmethoden. Ausgehend von Nikolaus Kopernikus und Galileo Galilei, von Isaak Newton, Pierre Laplace und auch Emanuel Kant entstanden die ersten Ansätze einer wissenschaftlichen Kosmologie, bis heute eine 200 Jahre lange akribische Forschung.

7. Aus ihr ergibt sich erst seit kurzer Zeit auf die alte Frage nach der prima causa unserer Welt eine reale materialistische Antwort, die nicht mehr auf der These vom Geist als einem unbewegten Beweger gründet. Sie lautet:
EN ARCHE
en HO BIG BANG - Im Anfang war der Urknall, die Energieexplosion, war E=MC².

Damit ist eine ganz klare Erkenntnisentscheidung gefallen. Nach 2600 Jahren Vernunftdenken ist der materielle Anfang unseres Kosmos entdeckt. Er erst beweist die Hypothese:

Nicht der Geist schafft die Materie. Die Materie schafft den Geist.

Allerdings bedeutet seit kurzem diese Erkenntnis Im Anfang war der Urknall, dass der Urknall zwar der Anfang unseres Kosmos ist, aber wohl gar nicht der Anfang des Seins generell. Vor unserem Urknall könnte ein viel größeres Universum existieren, in dem eine riesige Zahl von Kosmen durch Urknall entstanden sind oder noch entstehen können. Unser Urknall und damit unser Kosmos wären dann nur ein einziger unter vielen anderen. Das würde die Frage nach dem Anfang des Universums ganz neu stellen. Aber auch dafür gilt auf Grund unseres heutigen naturwissenschaftlichen Wissens die Hypothese:

Nicht der Geist schafft die Materie. Die Materie schafft den Geist.

(6) Irrfahrten mit Aristoteles

Für die Schüler des Aristoteles war die Metaphysik ihres Lehrers nichts als ein riesiges Ärgernis. Gerade weil er damit in den Anfängen seiner Erkenntnis stecken geblieben war und sie nicht in naturwissenschaftliche Kategorien umsetzen konnte, fühlten sie sich höchst verunsichert. Allen voran Theophrastos, Aristoteles direkter Nachfolger, hat sich über die zwielichtige Metaphysik seines großen Meisters geärgert. Doch letztlich haben weder er, noch seine Mitstreiter den Mut gehabt, ihm in seiner Lehre zu widersprechen oder konnten ihn gar mit eigenen Argumenten korrigieren. So befanden sie sich als Aristoteliker erkenntnistheoretisch ständig in der Zwickmühle zwischen exakter Wissenschaft und frommer Metaphysik.

Straton von Lampsakos

Schließlich kam Straton von Lampsakos (- 340 bis -268). Im Jahr -294, also 26 Jahre nach dem Tod von Aristoteles, wurde er bis -264 der neue Leiter der Aristotelesschule in Athen, 30 Jahre lang. Er war vom Fach her glühender Anhänger des Demokrit und seiner Atomlehre. Für Straton hatte sich Aristoteles platonisch völlig verrannt. Er löste deshalb die Metaphysik des Aristoteles mit einem Schlag auf, indem er nur noch die damals rein immanenten Fächer wie Physik, Biologie, Geographie, Astronomie für legitim aristotelische Forschungsgebiete erklärte und damit den ganzen transzendenten Geistspuk eliminierte. Übrig blieb nur reine empirische Forschung. In ihr war Straton selbst der kompromisslos radikalste säkulare Aristoteliker der Antike. Er selber gilt als Atheist.

Dennoch hat Aristoteles und nicht Straton das größte Ansehen in der philosophischen Nachwelt erlangt, wohl gerade deshalb, weil in der missverständlichen Aristoteles-Metaphysik eine Denkoffenheit aufgebrochen war, die dann viel später vehement zur Wirkung kam.

Denn nach langem Vergessensein löste Aristoteles bei seiner Wiederentdeckung im Mittelalter um 1200, inmitten der Blüte des christlichen Abendlandes, mit seiner Vernunftphilosophie eine geistige Revolution aus. Auf dem Hintergrund christlicher Glaubensdogmatik erschien seine rationale Logik wie ein Hereinbrechen der nackten Vernunft. Sein wissenschaftliches Denken stand dem christlichen Glauben konträr entgegen und forderte ihn intellektuell aufs schärfste heraus.

Von Anfang an stand dabei im Mittelpunkt des Streites das kontroverse Thema:

- Besteht die Welt in sich ungeschaffen ewig nach den Regeln einer im- oder expliziten Weltvernunft, so wie es die frühe griechische Vernunftphilosophie inklusiv des platonisierten Aristoteles entwickelt hat? Speziell die islamische Aristotelesforschung von Avicenna, Averroes und Maimonides hatte diese Theorie im Mittelalter vertreten und die Welt als ein in sich ewiges Sein beschrieben.

- Oder ist die Welt von extern geschaffen gemäß der biblisch-christlichen Schöpfungsvorstellung oder, wie Aristoteles behauptet, durch einen immanenten Bewegungsanstoß, von dem aus die Welt von einem Punkt aus auf ein Ziel in der Zukunft zuläuft?

In den folgenden dramatischen Auseinandersetzungen brach das Persönlichkeitsformat des Aristoteles völlig in zwei konträre Lager auseinander, die sich von damals bis heute feindlich gegenüberstehen:

Thomas von Aquin

- In dem einen Lager stand bollwerkartig die aristotelische Rechte14: Angetrieben von dem exzellenten Theologieprofessor Thomas von Aquino in Paris entdeckten die christlich-katholischen Theologen und Dogmatiker in Aristoteles den metaphysischen Theoretiker. Mit dessen Vernunftlogik hat Thomas von Aquino die gesamte katholische Dogmatik neu systematisiert und damit zukunftsfähig gemacht. Im Zuge des 1. Vatikanischen Konzils ist mit Thomas von Aquino schließlich der platonisierte Aristoteles zum philosophischen Fundament der katholische Dogmenlehre erklärt worden. Der heidnische Aristoteles war damit vollends zum christianisierten Aristoteles mutiert.

Mit diesem christianisierten Aristoteles greifen katholisch-fromme Intellektuelle heutzutage ständig auf den platonisierten Aristoteles zurück: Wenn sie mit ihrem biblischen Gottesbild nicht mehr weiter wissen, fällt ihnen immer ganz schnell Aristoteles ein und sie führen mit seinem unbewegten Beweger stolz einen “überzeugenden Gottesbeweis” an.

- In dem anderen Lager stand dagegen im ständigen Sturmangriff die aristotelische Linke: Geschult durch die großen islamischen Aristoteleskenner Avicenna und Averroes entdeckten die Averroaner in Aristoteles den empirischen Naturforscher. Die Averroaner hatten mit ihrer Kampfparole von den zwei Wahrheiten die Welt der Glaubensdogmen radikal von der Welt der Vernunftwissenschaften getrennt. Die theologische Wahrheit war ihnen völlig gleichgültig. Kompromisslos war für sie nur die Wahrheit der Vernunftwissenschaften gültig. Ihrer Spur nach ist die moderne säkulare Welt entstanden.

(7) Epikur von Samos. Lukretius Cavus. Pierre Gassendi: Der Durchbruch des materialistischen Weltbildes von der Antike her in die Neuzeit.

Epikur. Gehasst und verschrien von den Christen. Verehrt von autonom denkenden Menschen

Epikur von Samos (-341 bis -271)
kam -291 nach Athen, drei Jahre, bevor Straton Leiter der Aristotelesschule in Athen wurde. Die beiden großen Männer haben als Philosophen in Athen parallel gearbeitet: Straton als Leiter der Aristotelesschule. Epikur als freier Philosoph. Er eröffnete eine eigene sehr populäre Philosophieschule im Garten – griechisch: hoi apo ton kepon, die aus dem Garten. Das Augenfällige dieses Philosophischen Gartens war: Alle waren willkommen. Auch Frauen und Sklaven durften an Epikurs Philosophie teilnehmen.

Epikur war wie Straton vom Fach Physiker, ebenfalls begeisterter Anhänger von Demokrit und seiner materialistischen Atomistik. Doch sein eigentliches Interesse galt zunehmend der Ethik, der Frage also, wie sich der Mensch zu verhalten habe. Diese Frage war für Epikur deshalb so außerordentlich wichtig, weil er sich selbst als Atheist verstand und religiöse Götterautoritäten nicht anerkannte. Von daher war es ihm eine brennende Frage, wie sich ein Mensch ohne religiöse Bindung aus sich selbst heraus verhalten muss. Er suchte innerhalb seines materialistischen Weltbildes nach Maßstäben, wie ein Mensch seine Chancen voll nutzen und zugleich ein verantwortlicher Mensch bleiben könne.

René Magritte, It’s raining men

Bei dieser ethischen Frage geriet Epikur naturwissenschaftlich mit Demokrits Naturlehre in Konflikt. In ihr hatte Demokrit die Bewegung der Materieteilchen im Weltraum als senkrechte Falllinien 15 beschrieben. Das bedingte einen strengen physikalischen Determinismus: Abweichende Bewegungen waren nicht möglich. Ein freier Spielraum der Wirkungskräfte war damit nicht gegeben.

Für die Ethik bedeutete das, dass der Mensch als Natur auch in seinem Denken und Handeln einem strengen physikalischen Determinismus unterworfen sein musste. Ein freier Wille des Menschen war demnach naturgesetzlich nicht möglich. Die Gedanken waren deshalb im Menschen eben nicht frei! Demokrit hatte das selbst bestätigt. Für ihn war der Geist – und alles was damit zusammenhängt – reine Physik. Auch die Welt des Geistes, auch alles Subjektive und Persönliche ist ihm materiell, aufgebaut aus arteigenen Atomen und deren Bewegungen. Es gibt nichts außer Körperlichkeit. Geist und Seele sind, davon abhängig, in diesen radikalen Determinismus eingebunden.

Um in diesem statischen physikalischen Weltkonzept die Bewegungsfreiheit des menschlichen Willens zum moralischen Handeln zu erhalten, definierte Epikur seine physikalische Falldeklination, eine mögliche Bahnabweichung der Atome aus der deterministischen Senkrechten, gleichsam eine physikalische Unschärfetheorie, eine Art nicht berechenbarer Quantensprünge der fallenden Materie. Mit diesen Abweichungen entstand ein freies Spiel der Fallkräfte und damit die Möglichkeit von Zusammenprall und Kreuzung der Materieteilchen. Mit und in diesen Bahnabweichungen definierte Epikur die Freiheit des menschlichen Willens gegenüber einer deterministischen Naturlehre.

Damit gewinnt Epikur philosophisch eine ganz außergewöhnliche Stellung, denn einzigartig konsequent ist bei diesem physikalischen Versuch, dass Epikur zur Erklärung der geistigen Freiheit des Menschen, des freien Willens also, die Lösung nicht in irgendwelchen religiösen jenseitigen Göttervorgaben suchte, sondern innerhalb der materialistischen säkularen Weltvorstellung. Eben nicht im Ansatz eines spekulativ platonischen Idealismus, sondern im Ansatz eines neuen empirischen Rationalismus immanenten Seins. Er stellte die ureigene Geistqualität des Menschen allein mit einer physikalisch-materialistischen Seinserklärung sicher.

Epikur ist Atheist nicht aus Verneinung irgendwelcher Götter. Die haben ihn als Naturprodukte überhaupt nicht interessiert. Er ist Atheist aus totaler Bejahung der vollständigen Autonomie des Menschen auf der Basis einer totalen Immanenz, egal ob es Götter geben mag und wo auch immer. Für ihn ist der Mensch weltimmanent in jeder Hinsicht völlig autark. Epikur ist deshalb der Stammvater eines Menschen mit atheistisch-freiheitlich-autonomem Bewusstsein.

Von Epikur her läuft die völlig andere Philosophie-Linie des Materialismus aus der Antike in die abendländische Neuzeit. Sie war fast 1500 lang vergessen und kam erst 400 Jahre nach der Wiederentdeckung Aristoteles ganz neu zum Zuge. Für die Neuzeit wiederentdeckt wurde sie in ihrer ganzen Bedeutung durch

Pierre Gassendi. Der Anstoß für ein materialistisches Weltbild im säkularen Abendland

Pierre Gassendi (1592 – 1655),
französischer Theologe, speziell aber Naturwissenschaftler, zugleich philosophischer Spurensucher zurück in die Antike. Er war ein erklärter Gegner des Aristoteles, gerade eben auch wegen dessen zwiespältiger Metaphysik und hat deshalb mehrere pamphletartige Schriften gegen Aristoteles geschrieben.

Gassendi war dagegen ein begeisterter Anhänger von Epikur, gerade auch wegen dessen atomistischer Physik. Um der damals durch Galileo Galilei neu aufbrechenden Naturforschung neue wissenschaftliche Impulse zu geben, suchte Gassendi nach antiken Quellen über Epikur. Leider waren Epikurs eigene Schriften nahezu vollständig verloren. Bei seiner Suche stieß er auf die alten Autoren Diogenes Laertius, Cicero und Seneca, die über Epikur berichten, vor allem aber auf

Lukrez – Von der Natur

Lukretius Cavus (-97 bis -55).
Lukrez war ein römischer Denker, der wie viele Intellektuelle in der hellenistischen und späterenrömischen Zeit ein begeisterter Anhänger Epikurs war, ein Epikureer. Er ist jung gestorben und hat trotzdem ein berühmtes Werk hinterlassen, sein Lehrgedicht16 DE RERUM NATURA – ÜBER DIE NATUR. In ihm entwirft er in sechs Büchern ein in sich geschlossenes, völlig säkulares Weltbild, speziell in Buch 1 und 2 behandelt er die epikureische Physik und Philosophie.

Seine erklärte Absicht war die Vermittlung von naturgesetzlichen Zusammenhängen, um damit die Menschen von Göttern und Aberglauben zu befreien. Ein Kernanliegen also jeder Aufklärung. Entsprechend war er überzeugter Atheist. Lukrez´ umfangreiches Lehrgedicht hat weitgehend das Weltbild der römischen Antike zu der Zeit geprägt, als die römischen Kaiser noch keine Christen waren.

Lukrez´ DE NATURA geriet dann später in Widerspruch zur ermächtigten römischen-katholischen Staatskirche und wurde im Mittelalter völlig unterdrückt vergessen. Erst zum späten Ende der Renaissance wurde Lukrez wiederentdeckt, viel später als Aristoteles. Gerade weil Epikurs und auch Demokrits Werke weitgehend verloren waren und sind17, wurde die Wiederentdeckung von Lukrez und seinem DE NATURA für die Nachwelt ganz besonders wichtig. Dadurch wurde überhaupt der gesamte atomistische Materialismus wiederentdeckt, ganz neu bekannt und konnte so in der Neuzeit zur Wirkung kommen.

Eben diese Einführung der materialistischen Physik der Antike in die Neuzeit ist durch Pierre Gassandi bewirkt worden.Gassendi beeinflusste mit seinen Briefwechseln Galileo Galilei und auch Karl Leibniz. Er gewann später auch Einfluss auf die frühen französischen Materialisten, vor allem auf Lamettrie und sein Werk DER MENSCH ALS MASCHINE, aber auch auf Paul Th. Holbachs DE NATURA. Karl Marx schrieb infolge davon seine Dissertation DIFFERENZ DER DEMOKRITISCHEN UND EPIKUREISCHEN NATURPHILOSOPHIE. Spätestens mit Marx war der antike Materialismus in der abendländischen Neuzeit voll angenommen. Hatte schon Wolfgang Goethe für die erste deutsche Lukrez-Übersetzung18 gesorgt, so schrieb Albert Einstein 1924 zu Hermann Diels Neuübersetzung VON DER NATUR ein begeistertes Vorwort19. Keine Frage: Lukrez säkulares Weltbild aus der Antike befeuerte das säkulare Weltbild der naturwissenschaftlichen Forscher gerade zu Beginn der aufgeklärten Neuzeit.

(8) Im Kontra zur griechischen Natur- und Vernunftphilosophie:
Johannes-Evangelium, Kapitel 1, Vers 1.

700 Jahre später nach den ersten Materie-Definitionen der ionischen Naturphilosophie in Kleinasien, nach der klassischen Immanenzdebatte über den Logos von Sokrates, Platon und Aristoteles, und nach dem atomistischen Weltbild von Demokrit, Straton und Epikur wurde um das Jahr 100 das christliche JOHANNES-EVANGELIUM geschrieben. Es beginnt mit den berühmten drei Zeilen20:

EN ARCHE EN HO LOGOS
KAI HO LOGOS EN PROS TON THEON
KAI HO THEOS EN HO LOGOS
Im Anfang war der LOGOS
und der LOGOS war bei dem (einen) GOTT
und der (eine) GOTT war der LOGOS

Titelseite Johannesevangelium

Dieser Drei-Zeilen-Vers ist einer der genialsten Wirkungssätze der gesamten Antike. Er hat die antike Welt verändert. Mit ihm begann der geistige Niedergang der griechischen Philosophie, denn mit diesen drei Zeilen ist zwischen dem antiken und dem christlichen Abendland die GEIST-Frage entschieden worden, die Frage:

- Gehört der LOGOS, der höchste denkbare GEIST, ursächlich in die Vernunftwelt der Menschen,
- oder  gehört dieser LOGOS letztlich in die Jenseitswelt Gottes?


Die erste Zeile
EN ARCHE
EN HO LOGOS – Im Anfang war der LOGOS
umreißt die gesamte altgriechische Philosophie der Antike:

Das Johannesevangelium nimmt mit dem Begriff EN ARCHE ganz gezielt die frühe ionische Naturphilosophie auf, in der mit der Definition eines materiellen Urstoffs aller Dinge zuerst eine materielle Ursubstanz behauptet wurde21. Wollte man die wesentliche Erkenntnis dieser Naturphilosophie mit einem Begriff kennzeichnen, dann würde sachlich am besten der Begriff EN ARCHE treffen.

Mit dem Begriff HO LOGOS nimmt das Johannesevangelium zugleich die klassische antike Philosophie mit ihrem Vernunftdenken auf. Wollte man deren zentralen Gedanken in einem Begriff zusammenfassen, dann würde sich der am besten in dem Begriff LOGOS darstellen. LOGOS steht hier also für das gesamte Natur- und Vernunftdenken der Griechen, gerade auch für den autonom denkenden Geist.

Diese erste Zeile ist also eine äußerst kenntnisbewusste, sachliche Formel für die gesamte altgriechische Natur- und Vernunftphilosophie: Im Anfang war der LOGOS


Die zweite Zeile
HO LOGOS
EN PROS TON THEON – Der LOGOS war bei dem (einen) GOTT vollzieht einen riesigen Brückenschlag von der Basis der antiken Philosophie: dem LOGOS zur Basis des jüdisch-christlichen Monotheismus: dem (einen) GOTT.

Griechischer LOGOS und biblischer GOTT werden in unmittelbare Beziehung gesetzt. Dabei wird zunächst ihre jeweilige Eigenständigkeit betont. Der LOGOS wird hervorgehoben als ein eigenständiges Gegenüber zu dem (einen) GOTT.

Diese Gleichstellung erweckt den Eindruck einer Kohabitation22, also eines Zusammenwirkens zweier gleichrangiger Partner. Das ist der erste große Brückenschlag zwischen griechischem und biblischem Geist. Hinter diesem Satz steht der Versuch, das Denken der griechischen Philosophie und das Denken der christlich-biblischen Theologie in einer Symbiose zusammenzudenken.

Diese zweite Zeile ist also eine höchst konziliante Verbeugung der christlichen GOTT-Theologie vor der griechischen LOGOS-Philosophie: Der LOGOS war bei dem (einen) GOTT.


Die dritte Zeile
HO THEOS
EN HO LOGOS – Der (eine) GOTT war der LOGOS
setzt den biblischen GOTT über den griechischen LOGOS.

Mit diesem dritten Gedankenschritt wird der griechische LOGOS dem biblischen GOTT untergeordnet. Die absolute Dominanz liegt bei dem (einen) GOTT.

Das eigentliche Ziel der Symbiose wird damit sichtbar. Das Johannesevangelium hat die eindeutige Absicht, den griechischen LOGOS in seinem eigenständigen Geltungsanspruch außer Kraft und damit den (einen) GOTT uneingeschränkt absolut zu setzen. Zeit und Gültigkeit aller eigenständigen geistigen Fremdansprüche außerhalb des einen GOTTES sind vorbei.

Das Johannes-Evangelium entmachtet also den LOGOS, schafft den LOGOS aber nicht ab. Ganz im Gegenteil. Indem es den LOGOS dem (einen) GOTT unterordnet, stellt es den LOGOS in den Dienst des (einen) GOTTES. Mit dem LOGOS haben die frühchristlichen Theologen dann vor allem ihre Christologie, die Lehre von Jesus Christus, entwickelt23. Schon Johannes Kapitel 1, Vers 7 setzt JESUS CHRISTUS und den LOGOS gleich:

Mit dieser Unterordnung der heidnischen Philosophie unter die christliche Theologie begann der Niedergang des antiken Abendlandes gegenüber dem neuen rasch wachsenden christlichen Abendland. Für das Johannes-Evangelium war der Kampf bereits um 100 geistig entschieden: Der christliche GOTT siegt.

Damit aber begann überhaupt erst der Kulturkampf zwischen der griechischen LOGOS-Philosophie und der christlich-monotheistischen GOTT-Theologie. Zweihundert Jahre tobten im Römischen Reich die Auseinandersetzungen um Johannes 1, Vers 1, der Kampf um die geistig-religiöse Vormachtstellung im Abendland, vom Arianischen Streit (seit 318 und dem Konzil von Nicäa 325) bis hin zum Monophysitischen Streit (und dem folgendem Schisma 484 – 519, in dem aufgrund der inneren Streitigkeiten zum ersten Mal die Einheit der römischen Westkirche mit der byzantinischen Ostkirche zerbrach).

Durchgeführt wurde dieser Kampf für GOTT gegen den LOGOS mit der ganz konkreten Streitfrage, die in immer wieder neuen argumentativen Variationen aufbrach:

Ist Jesus Christus Gott oder Mensch?

Zu dieser Frage führten alle damaligen geistig-philosophischen Strömungen ihre argumentativen Waffen ins Feld: Die griechischen und die lateinischen Kirchenväter, die Gnostiker aller Richtungen, die Anhänger des Häretikers Marcion und die des Origines, die Manichäer, die Stoiker, die Neuplatoniker: Insgesamt eine geistige Volksbewegung, in der um die zukünftige religiös-weltanschauliche Deutungshoheit im Abendland gerungen wurde.

Die drei wichtigsten Hauptstädte der damaligen Welt bildeten dafür die Macht- und Streitzentren:

Hagia Sophia Machtsymbol des Christentums von 500 bis 1453

- KONSTANTINOPEL: Monopole des neuen christlichen, oströmischen Kaisertums in cäsaropapistischem Pomp. Theologie dort hatte Gültigkeit, soweit sie der Krone nützte. Ein siegender auferstandener Christus als Gott war dem Macht- und Staatsanspruch der Kaiser-Krone nützlicher als ein leidender gekreuzigter Mensch Jesus von Nazareth. Deshalb dirigierten die christlichen Kaiser die theologischen Konzilien im Konstantinopel nahen Nicäa und Chalchedon nach ihren eigenen Machtinteressen.

- ROM: Das alte Reichszentrum mit aufsteigender Kraft des römischen Bischofs zum Papst. Wie in einem Brennpunkt zog sich in ihm die ganze lateinische Rationalität zusammen. Alles was Rom an weltlicher Macht verloren gegangen war, kompensierten die neuen Theologen dort in einer rationalen Glaubensdogmatik, mit der sie die Welt beherrschen konnten. Gerade auch in den ersten Jahrhunderten nutzten sie ihre strengen Glaubensforderungen als Machtpotential.

- ALEXANDRIA in ÄGYPTEN: Modernste Stadt damals mit der berühmten größten Bibliothek und einem universitären Bildungsniveau. In ihr standen sich total unversöhnlich die beiden christlichen Kontrahenten gegenüber, die den Dogmenstreit ausgelöst hatten:

- Bischof Arius, der behauptete, Jesus sei nur Mensch gewesen, wenngleich schon ein ganz besonderer Mensch, so letztlich eben doch nur ein Mensch. Für ihn war Jesus Christus Gott gänzlich unähnlich, griechisch: anomoios. Hinter Arius standen die Arianer, die anfangs große Mehrheit der weltlich Intellektuellen, menschlich gesonnen im Denken und Handeln, im Leben, Leiden und Sterben, geprägt von griechisch-weltlicher LOGOS-Philosophie. Dagegen

- Bischof Athanasius, der behauptete, Jesus Christus24 sei wahrer Gott. Verherrlicht mit allen höchsten Seinsattributen; entmenschlicht und verklärt bis zur weltlichen Unkenntlichkeit. Für ihn war Jesus Christus Gott total wesensgleich, wesenseins, griechisch: homoousios. Hinter Athanasius standen die Athanasianer, fundamentalistische Monotheisten, getrieben von einem jenseitigen Superlativismus, religiös Welt verleugnend bis in den Doketismus 25

Kaum je hat es eine andere Zeit gegeben, in der die rein weltanschaulichen Grundpositionen so massiv, so unversöhnlich, so flächendeckend aufeinander geprallt sind wie in diesen beiden Jahrhunderten und damit der autonom (griechisch) denkende Mensch auf dem Spiel stand.

Im Kontra zur griechischen Natur- und Vernunftphilosophie:

Das Nicaeno-Constantinopolitanum. Das Glaubensbekenntnis von 381:
Der Sieg des göttlichen Wesens über das menschliche Wesen

Ausgegangen ist dieser Kampf schließlich mit der mehrheitlichen Zustimmung zum Athanasianischen Glaubensbekenntnis. Mit ihm haben die orthodoxen Theologen die Oberhand gewonnen und einen katholischen Glauben durchgesetzt. Die entscheidenden Formulierungen über Jesus Christus, die auch heute noch als Credo in den Kirchen Geltung haben und gebetet werden, lauten26:

Jesus Christus, 

der Sohn Gottes, der einzig geborene,
der aus dem Vater gezeugt
ho huios tou Theou ho monogenes,
Filius Dei unigenitus,
ist vor allen Zeitepochen.
ho ek tou patros gennethene pro panton ton aionon.
ex Patre natus ante omnia saecula.
Gott von Gott.
theos ek theou.
Deus de Deo.
Licht vom Licht.
phos ek photos.
lumen de lumine.
Wahrer Gott vom wahren Gott.
theos alethinos ek theou alethinou.
Deus verus de Deo vero.
Gezeugt, nicht geschaffen.
gennethenta ou poiethenta.
genitus, non factus.
Wesensgleich mit dem Vater,
homoousios to patri,
consubstantialis Patri,
durch den alles gemacht ist.
di hou ta panta egeneto.
per quem omnia facta sunt.
Nach vielen vorausgegangenen, oftmals konträren Entwicklungen und Abstimmungsergebnissen erreichte der Kulturkampf schließlich seinen Abschluss in dieser christlich-orthodoxen Siegeserklärung: Jesus, der Mensch, war zum ewigen GOTT erhoben, der LOGOS in den christlichen Himmel erhöht.

Die christliche Theologie der frühen Kirche hat damit den generellen naturphilosophisch-materialistischen Denkansatz der griechisch-römischen Antike radikal zerstört, indem sie an zentralster Stelle gegen das Menschsein das Gottsein durchgesetzt hat. Zwar musste auch dieses Ergebnis mit weiteren dogmatischen Zwangsvorstellungen in Konzilien durchgesetzt werden. Insgesamt aber vollzog sich in ihm die geistige Wende vom antiken zum christlichen Abendland.

Die antike griechische LOGOS-Philosophie ist nicht von sich aus abgetreten. Der griechisch autonome Logos ist vom Christentum versklavt worden27. Er wurde in einem dramatischen Kampf niedergerungen – und ist untergegangen. Er hat in der ausgehenden Antike ganz einfach verloren. Das Christentum hatte gesiegt.

(9) Die christliche Zerstörung speziell der antiken Naturphilosophie.
creatio ex nihilo – Schöpfung aus nichts [aus dem Nichts]

In dieser christologischen Auseinandersetzung hat die frühe christliche Dogmatik zugleich noch eine weitere letztgültige dogmatische Entscheidung gegen die gesamte griechische Naturphilosophie getroffen.

Im Kontra zur griechischen Naturphilosophie:

creatio ex nihilo – Schöpfung aus nichts [aus dem Nichts28].

Der Sieg des frühen Christentums über den geistigen Materialismus

In der berühmten homoousios-Formel im Nicaeno-Constantinopolitanum heißt es zunächst noch summarisch:

Eines Wesens mit dem Vater,
homoousion to patri
consubstantialis Patri,
durch den alles gemacht ist.
di hou ta panta egeneto.
per quem omnia facta sunt.

Mit dieser Erklärung, dass Gott schlechthin der Schöpfer aller Dinge sei, nimmt die christliche Theologie den biblischen Schöpferglauben auf, eben dass von Gott her alles geschaffen worden ist. Doch die kirchlichen Theologen haben es bei dieser Feststellung allein nicht belassen. Sie haben diese Aussage aufgrund konkreter Auseinandersetzungen mit der griechischen Naturphilosophie29 ins Letzte zugespitzt.

Allerdings hatte auch die griechische Naturphilosophie ihre alte materialistische Position, die Welt sei aus einem Urstoff hervorgegangen, scharf zugespitzt. Waren sich anfangs nicht alle einig, welcher Stoff die wirkliche Ursubstanz sei, so stimmten sie schließlich doch in der Chaos-These von Melissos überein:

Ex nihilo nihil fit – aus nichts wird nichts.

Vorausgesetzt war damit die ungeordnete Materie im Weltraum (griechisch: chaos), aus der alles entsteht.

Dagegen formuliert die frühchristliche Theologie das Verdikt:

Creatio ex nihilo – Schöpfung aus nichts [aus dem Nichts].

- Es gibt keine materielle Ursubstanz, die schon immer und ewig besteht und aus der alles geworden ist. Nihilo bedeutet die totale Verneinung alles Denkbaren, was materiell präexistent sein könnte.

- Es gibt stattdessen nur einen einmaligen Schöpfungsakt Gottes am Anfang der Welt, vor dem es absolut nichts gegeben hat, auch keine Ursubstanz, keine Materie, nichts Stoffliches oder sonstiges Materielle, aus dem etwas entstanden sein könnte. Gott hat auch die Materie geschaffen, aus der er alles geschaffen hat.

Indem die Materie so radikal ausgeschaltet ist, kann es nur noch Gott selbst geben und implizit den Geist als allein göttlichen Geist. Der Geist des (einen) Gottes steht über allem. Sonst existiert ja auch gar nichts mehr. Alles weltlich Autonome ist total untergegangen in Gott, von dem alles beherrscht ist.

Creatio ex nihilo ist der Todesstoß für die gesamte antike Immanenzphilosophie. Die Formel hebt alles restlos auf, was in die materielle Entwicklung, in welcher Form auch immer, gedacht worden war. Nichts von dem hat mehr Gültigkeit.

Damit war um 600 das weltliche Feuer ausgebrannt. Der kritische Geist der griechischen Philosophie erloschen. Es gab keine Fragen mehr. Es waren keine Fragen mehr offen. Zumindest ist für die nächsten 600 Jahre im Abendland niemand mehr da, der eine kritische Frage stellt oder überhaupt stellen kann. Die neue katholische30 Kirche herrschte mit philosophischem Kahlschlag. Ex nunc: extra ecclesiam nulla ratio, nulla scientia, nulla salus – Ab sofort gilt: Außerhalb der Kirche gibt es keine Vernunft, keine Wissenschaft, kein Seelenheil.

Kaiser Justinian I. Verbot der letzten Philosophenschule

Die christliche Religion hatte die griechische Vernunftphilosophie besiegt. Sie hat nicht die antike Religion besiegt. Das hat die griechische Vernunftphilosophie allein getan, sie hat die Religion zumindest auf einen Rest Volksfrömmigkeit, einen Rest Aberglauben reduziert. Nein! Die christliche Theologie hatte mit ihrer monotheistischen Dogmatik die Lückenhaftigkeit der antiken Immanenztheorien erschüttert und somit Natur- und Vernunftdenken total zum Schweigen gebracht.

Als der christliche Kaiser Justinian I. im Jahr 529 die letzte griechische Philosophieschule, die Platon-Akademie in Athen, schließt, entzieht er damit der antiken Bildung ihre letzte Basis. Der Kampf ist beendet. Ein paar Heiden protestieren noch. Justinian zwingt sie unter Androhung der Todesstrafe zur Taufe. Ansonsten sind von den Christen alle antiken Philosophen verboten, auch gerade Aristoteles. Die meisten seiner Anhänger sind nach Syrien geflohen. Sie haben nach Syrien die Aristotelesschriften gerettet, die dann dort nicht viel später den anstürmenden islamischen Arabern in die Hände fielen – und von ihnen gelesen, ja mit großem Eifer studiert und hoch verehrt werden.

Im christlichen Abendland dagegen ist Aristoteles ab 600 total in Vergessenheit geraten. Kein Christ wusste mehr, wer Aristoteles eigentlich war, geschweige was er wirklich gelehrt hat.


Zusammenfassung in drei Thesen

These 1: In der ionischen Naturphilosophie vor 2600 Jahren in Kleinasien definierten Vernunftdenker zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die Natur ohne Götter allein aus weltlicher Materie. Damit entstand ein völlig neuartiges materialistisches Weltbild, in dem die Natur eigenständig war, unabhängig von irgendwelchen transzendenten Einflüssen.

In diesen philosophischen Überlegungen war auch der GEIST ein rein materielles Phänomen. Danach hatte die Materie den Geist geschaffen, und nicht der Geist die Materie. Das materielle Dasein wurde so die Voraussetzung der geistigen Welt. Daraus ergab sich zwangsläufig die erste radikale Götterkritik: Die materielle Welt hat auch die Götter geschaffen und nicht die Götterwelt hat die materielle Welt geschaffen. Die materielle Welt ist auch die Voraussetzung der Welt der Götter.

These 2: In der attischen Immanenzdebatte der klassischen Philosophieepoche Sokrates -Platon – Aristoteles in Athen spielte der Logos als die höchste Form des Geistes in Verstand und Vernunft eine entscheidende Rolle. In ihm stellte sich die GEIST-Frage ganz neu. Von Platon her und dessen jenseitiger Ideenlehre wurde sowohl Sokrates als auch Aristoteles so verstanden, als würden sie den Geist als eine jenseitige Instanz und Qualität gegenüber der Materie darstellen. So entstand eine platonisierte spekulative Metaphysik. Bis heute.

Historisch trifft diese Deutung weder auf Sokrates noch auf Aristoteles zu. Gerade der Domino-Vergleich vom unbewegten Beweger meint mit Aristoteles nicht eine jenseitige Instanz, einen Schöpfergott. Er lässt sich vielmehr interpretieren als eine völlig neuartige Deutung der totalen Diesseitigkeit. Aristoteles entdeckt mit dem unbewegten Beweger die Immanenz in ihrer evolutionären Struktur: Die Immanenz hat einen ursächlich zeitlichen Beginn. Von ihm läuft eine Bewegungskette ab gemäß dem säkularen Kausalitätsprinzip von Ursache und Wirkung. Dabei steht in seiner säkularen Metaphysik der Logos als höchste Form des Geistes in Verstand und Vernunft als prima causa an der Spitze – der Immanenz. Die höchste weltliche Vernunft bildet den Schlussstein einer weltlichen Seinsganzheit.

These 3: Völlig konträr zur spekulativ-transzendenten attischen Logos-Philosophie lief in der klassisch-hellenistischen Philosophieepoche die atomistisch-materialistische Welterkenntnis des großen Denkers Demokrit. Sie hat sich über Epikur, Straton von Lampsakos und Lukrez entwickelt und fortgesetzt. Demokrit gibt eine völlig neuartige Definition der Materie. Er führt alles Sein zurück auf kleinste unteilbare Materieteilchen, die atomoi, aus denen die Phänomene zwangsnotwenig entstehen. Ein solches atomos existiert unveränderbar, ewig. Demokrits Weltbild und damit auch seine Vorstellung vom GEIST sind von daher atomistisch-materiell, streng physikalisch determiniert.

Wenngleich begeisterter Anhänger Demokrits übt Epikur Kritik an Demokrits physikalischem Determinismus. Er sieht darin die Zerstörung des freien menschlichen Geistes, des menschlichen Willens, und damit eine Infragestellung des vom Menschen autonom zu verantwortenden ethischen Handelns. Ein total determinierter Mensch kann nicht selbstständig handeln. Epikur verändert deshalb Demokrits Determinismus dahingehend, dass er seine Annahme von starren senkrechten Falllinien der Atome im Weltraum in variable Falllinien abändert und so gleichsam eine physikalische Unschärfe einführt, in der die Möglichkeit von Bewegungsabweichungen vorgegeben ist. In ihnen besteht die begrenzte Möglichkeit eines menschlich freien Willens. Zukunftsweisend ist dabei vor allem die Konsequenz, dass eine so zentrale Aussage über den Menschen nicht aus religiösen, sondern aus streng physikalischen Prämissen abgeleitet wird. Der Mensch bleibt immer materiell determiniert.

Generelle Schlussfolgerung

1. Die Natur- und Vernunftphilosophie ist die Basis des antiken Abendlandes  u n d  des modernen säkularen Abendlandes. Nicht die Götter- und Religionswelt der Antike ist die Grundlage des Abendlandes, weder damals noch heute. Die entscheidende geistesgeschichtliche Konstante ist die Erkenntnis der materiellen Struktur der Welt und des gesamten Daseins, auch des menschlichen Geistes und aller daraus folgenden Derivate wie Bewusstsein und Denken, Erkenntnis und Wissen, Religion und Kultur überhaupt. Wie damals ist auch heute nur das wirklich, was sich dem Verstand entgegen aller religiösen Spekulationen als evident erweist. Die vernunftgemäße Erforschung der Natur ist deshalb unabdingbar die Voraussetzung allen realen Wissens.

Allerdings ist dieser geistige Erkenntnisstand der Antike radikal unterbrochen worden durch das neu entstandene Christentum damals und ist durch dessen monotheistisch-fundamentalistische Theologie total außer Kraft gesetzt worden. In einem zwei Jahrhunderte währenden Kampf um die Frage, ob Jesus Christus Mensch oder Gott sei, wurde der immanent-materialistische Denkansatz der griechischen Natur- und Vernunftphilosophie aus Europa brutal vertrieben und ausgerottet. In diesem Umsturz vollzog sich die geistige Wende vom antiken zum christlichen Abendland.

2. Die Wiederentdeckung des Aristoteles im hochchristlichen Mittelalter. Aus dem philosophischen Fundus des arabischen Islam wurde Aristoteles durch die Kreuzzüge nach Europa reimportiert. Die Neuentdeckung seiner Schriften löste hier eine theologische Revolution aus. Seine Philosophie wurde als Einbruch der nackten Vernunft empfunden. Mit aller Kraft versuchte die Scholastik zunächst, den christlichen Glauben vor dem Einbruch der Vernunft zu bewahren. Dem rationalen Theologen Thomas von Aquino gelang es dann, den heidnischen Aristoteles so zu christianisieren, dass durch dessen Denksystematik die theologische Dogmatik völlig neu durchdacht und strukturiert und damit der katholische Glaube auf Zukunft hin sogar gestärkt werden konnte.

Dagegen war Aristoteles´ Vernunftphilosophie zugleich der Auslöser für die totale Abkehr von aller theologischen Glaubensdogmatik und damit vom christlichen Glauben insgesamt. Die Gruppe der islamisch orientierten Averroaner an der Pariser Universität Sorbonne entwickelte die Theorie der zwei Wahrheiten, die theologische und die wissenschaftliche. Diese Unterscheidung wirkte letztlich wie ein geistiger Handstreich und revolutionierte die Zukunft. Denn indem die Averroaner die theologische Wahrheit radikal ablehnten, schufen sie sich damit den geistigen Freiraum für das wissenschaftliche Denken. Jetzt konnten Denker ihre Forschungsarbeiten aufnehmen, die überhaupt kein Interesse mehr hatten an den spekulativen christlichen Glaubenswahrheiten, sondern nur noch geleitet waren von einem Vernunft begründeten säkularen Wissensdrang: Die Geburt der empirischen Wissenschaft.

3. Die Wiederentdeckung Epikurs und damit Demokrits im Vorfeld der französischen Aufklärung: Erst 400 Jahre nach Aristoteles ist Epikur für die Neuzeit wiederentdeckt worden und mit ihm Demokrits atomistischer Materialismus. Das alles war 1500 Jahre in Vergessenheit versunken. Da die Schriften von Epikur und auch von Demokrit zum großen Teil verloren sind, wurde vor allem das Lehrgedicht DE NATURA von Lukrez zum Wissensvermittler aus der Antike in die Neuzeit. In dem starken Maße wie im Entstehen des neuen naturwissenschaftlichen Denkens Lukrez´ antizipiert wurde, wuchs der Einfluss der von ihm dargelegten naturphilosophischen Erkenntnisse der Antike auf die Neuzeit.

Ihre entscheidende Wirkung setzte ein bei den Materialisten der französischen Aufklärung, speziell bei Lammettri und d´Holbach. Sie entwarfen als erste ein radikal atheistisch-materialistisches Menschen- und Weltbild. In ihm wurde gerade auch der Geist total materiell definiert. In ihrer Nachfolge entwickelte Ludwig Feuerbach eine materialistische Anthropologie, aus der heraus er Gott und die Religion als die Geistwelt des Menschen erklärte und damit atheistisch-diesseitig als Projektion des Menschen. Im direkten Bezug auf Feuerbach haben dann Marx und Engels den historischen Materialismus entworfen. Marx, Darwin und Freud wurden die Väter des materialistischen Atheismus des 19. Jahrhunderts. Ingesamt entwickelte sich die naturwissenschaftliche Forschung der Neuzeit auf der strengen Basis einer atheistisch-materialistischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie.

______________________

Autor: Paul Schulz

  1. Neue Schreibweise: Wir sprechen und schreiben grundsätzlich nicht mehr
    vor Christus 
    oder  v. Chr.
    Vor alle Daten vor der Zeitenwende Null
    setzen und sprechen wir ein Minuszeichen, also
    im Jahr -600
     oder nur  -600.
  2. Die alte Fassade des Markttors von Milet ist im Pergamon-Museum in Berlin aufgestellt. Sie wurde seit 2007 renoviert und ist wieder zu besichtigen. Das Markttor stammt aus der römischen Zeit von Kaiser Hadrian um das Jahr 129.
  3. Pantheisten (griechisch: to pan – das Ganze; theos – Gott. Gott im Ganzen, in Allem) sehen in strenger Form Gott in der Natur oder als Natur, in abgemilderter Form Gott durch die Natur. Natur kann dabei philosophisch die Ganzheit des Seins bedeuteten. Der Pantheismus (ein Pantheist) ist zumindest in seiner strengen Form der Ablehnung eines jenseitigen Gottes ein potentieller Atheismus (Atheist).
  4. Platons Höhlengleichnis: Mit ihm beschreibt Platon, wie in einer Höhle das Licht von draußen auf die Rückwand der Höhle fällt und dabei die Davorstehenden Schatten an die Wand werfen. Das Licht draußen ist die jenseitige Welt der wahren Ideen. Die Schatten an der Wand drinnen als nur schemenhafter Widerschein des Lichtes sind das flüchtige, vergänglich Irdische.
  5. Die Loslösung von Platons Philosophie war für Aristoteles ein langer geistiger Entwicklungsprozess. Diese Festsstellung erfolgte erst in der jüngsten Aristoteles-Forschung durch eine neue innere Zuordnung der vielen Aristotelesschriften zueinander. Werner Jaeger hat dazu 1923 mit seinem Buch ARISTOTELES. GRUNDLEGUNG EINER GESCHICHTE SEINER ENTWICKLUNG, Berlin 1923, eine bahnbrechende Untersuchung geschrieben. In ihr ordnet er Aristoteles´ Werke in eine neue zeitliche Reihenfolge, so dass man die Gedankenentwicklung des Aristoteles logisch nachvollziehen kann. Wir beziehen uns in unserer Aristotelesinterpretation auf die Arbeit von Werner Jaeger.
  6. Die Atticus-Wandelhalle ist als ein historisches Beispiel für ein PERIPATEION auf der Agora von Athen vollständig wieder errichtet worden. Sie vermittelt eine großartige Vorstellung von dem damaligen philosophischen Treiben der Aristotelesschule der Peripatetiker.
  7. Immer wieder hat der Domino-Day in den Niederlanden (von 1998 – 2009) ein faszinierendes Fernseh-Schauspiel geboten: In einer riesigen Halle sind Millionen (2009: fast 5 Millionen) bunter Dominosteine auf Anstoßabstand gestellt, verzweigt in langen Reihen und großen Gruppen. Dann wird von einem Punkt aus der erste Stein angestoßen und damit die Bewegungskette in Gang gesetzt. Die Anstoßbewegung läuft durch die Steinreihen, stößt an und stößt um, verzweigt sich in viele Haupt- und Nebenstrecken, läuft immer weiter durch Bilder- und Figurenflächen mit jeweils zigtausend Steinen. Wo der Anstoß abbricht, hört die Kette auf und alle nachfolgenden Steine bleiben stehen. Bei der riesigen Zahl der Steine dauert es bis zu einer Stunde, bis die Bewegung am Ende zum Stillstand kommt. Bis zum letzten Stein ist es immer der erste Anstoß vom Anfang gewesen, eine mechanisch  bewegende Kraft. Gäbe es noch mehr richtig aufgestellte Steine, würde die Kette endlos weiterlaufen, alles aus dem ersten Anstoß heraus.
  8. Streng genommen führte diese Erkenntnis des Demokrit nur zu einer Hypothese, zu einer theoretischen Annahme von einem gesetzmäßigen Ergebnis. Der letztgültige Beweis dafür wurde erst durch die moderne Atomphysik, speziell durch die Quantenmechanik, geliefert.
  9. Aristoteles mag zu dieser Überlegung auch angeregt worden sein durch Heraklits panta rei – alles fließt, also von dessen Vorstellung eines ständig weiterlaufenden Prozesses. Doch Heraklit meinte damit nicht den Ablauf einer linearen Weltzeit, sondern betonte damit die Einmaligkeit eines Geschehens inmitten des flüchtigen Vergehens im Sinne seines anderen berühmten Satzes: Niemand steigt zweimal in den gleichen Fluss.
  10. Die antike griechische Kultur kannte die lineare Weltzeit nicht, sondern hat in einem Zeitkreis von Äonen gedacht. Deshalb muss Aristoteles mit seinem Domino-Vergleich alleine auf das evolutionäre Zeitmodell gekommen sein. Seinen Zeitgenossen war dieses Modell so fremd, dass sie diesen radikalen Neuansatz nicht nachvollziehen konnten oder wollten und sich dem Deutungsversuch von Aristoteles völlig verweigert haben.
  11. Aristoteles mag zu diesem Gedanken durch Parmenides angeregt gewesen sein, der der bewegten Welt ein in sich ewig ruhendes Sein gegenüber gestellt hat.
  12. Der lineare Geschichtsablauf ist ursprünglich das Zeitsystem der monotheistisch-biblischen Theologie. In dem alttestamentlichen einmaligen Schöpfungsakt der Welt durch Gott entstand auf Zukunft hin ein Zeitablauf durch die Vorstellung, dass diese Schöpfung nicht ewig sei, sondern auf ein Ende zuläuft. Später haben die Christen den Weltanfang und das Weltende mit dem ersten und dem letzten Buchstaben des griechischen Alphabets gekennzeichnet, Alpha: der Weltanfang – Omega: das Weltende, dazwischen die Laufzeit der Welt. Unsere moderne Welt hat den linearen Geschichtsverlauf der Bibel übernommen.
  13. Wir zitieren hier ganz bewusst den Traum von Stephen Hawking von einer in sich geschlossenen Welttheorie. Sein Traum war, wenn natürlich unter ganz anderen Bedingungen, der Traum auch von Aristoteles mit seinem unbewegten Beweger. Zu Hawking Diskurs 01.05.
  14. Diese Bezeichnung aristotelische Rechte, aristotelische Linke stammt von Ernst Bloch aus seiner Schrift AVICENNA UND DIE ARISTOTELISCHE LINKE, Frankfurt am Main, 1963.
  15. Siehe dazu auch Diskurs 01.05.
  16. Lehrgedicht. Das ist kein kurzes Gedicht in wenigen Zeilen oder Strophen. Es ist ein riesiges Werk in sechs Büchern mit über 7800 Versen, in Hexametern geschrieben. Lukrez hat diese spezielle Literaturform mit wissenschaftlichem Inhalt wohl – aus schlechten Beispielen – übernommen. Es ist wenigstens das älteste uns erhaltene anerkannte lateinische Lehrgedicht.
  17. Epikur und Demokrit sollen je über hundert Schriften verfasst haben.
  18. Von Goethe angeregt hat Freiherr Karl Ludwig von Knebel 1821 die erste deutsche Lukrez-Übersetzung verfasst. Er war eine zentrale Gestalt der deutschen Klassik am Hof in Weimar bei Herzogin Anna-Amalia. Erzieher ihrer Söhne. Freund von Wieland und auch Herder. “Ur”freund von Goethe. Seine Übersetzung ist bei Göschen erschienen.
  19. Einsteins Vorwort ist in ATHEODOC abgedruckt als Diskurs 10.941.
  20. Zugrunde liegt in den ersten Versen 1 – 14 offenbar ein philosophisches Gedicht in Stabverszeilen, das das Johannesevangelium wahrscheinlich aus einer bereits vorliegenden Tradition übernommen hat, vielleicht aus einem gnostischen Diskurs über Gott und den Logos aus einer frühen Gemeinde Johannes des Täufers.
  21. Siehe oben (1): Das Wasser, das Unbegrenzt-Stoffliche, die Luft.
  22. Kohabitation meint hier französisch nicht sinnlich Geschlechtsverkehr, sondern die Zusammenarbeit zweier oberster Repräsentationen verschiedener (politischer) Lager oder Richtungen
  23. Die frühkatholischen Väter (Irenäus, Tertullian, Hippolyt) werden in der frühen Dogmengeschichte (um 200) LOGOS-Christologen genannt wegen ihrer LOGOS-Theologie als Vorstufe zur christlichen Trinitätslehre: Gott VaterSohn (LOGOS)Heiliger Geist.
  24. Christus ist griechisch und bedeutet: Der Gesalbte. Jesus Christus bedeutet also: Jesus, der Gesalbte. Christus heißt auf Hebräisch: Messias, also auch der Gesalbte. >Messias, Christus, der Gesalbte< geht zurück auf König David im Alten Testament. Dessen zukünftiger Nachfolger (der Messias aus dem Hause Davids) wurde von den Juden als zukünftiger König der Juden erwartet. Dessen Umdeutung im Christentum auf den historischen Jesus, sogar in dessen Eigenamen hinein, ist abenteuerlich, denn Jesus von Nazareth hat sich selbst nie als Messias bezeichnet.
  25. Doketismus. Seine frühchristlichen Anhänger konnten sich nicht vorstellen, dass Jesus als Gottes Sohn wirklich gelitten haben soll und gestorben ist. Ein Gott kann nicht leiden. Gott kann nicht sterben. Der LOGOS auch nicht. Deshalb waren sie davon überzeugt, dass Jesus in einem Scheinleib gelitten habe und darin auch gestorben sei.
  26. Denzinger, ENCHIRIDION SYMBOLORUM, 86; Neuner-Roos, DER GLAUBEN DER KIRCHE IN DEN URKUNDEN DER LEHRVERKÜNDIGUNG; 831.
  27. Das genau haben die Römer mit den von ihnen besiegten Griechen gemacht. Die haben die freien griechischen Philosophen, Denker, Lehrer, Gebildeten gefangen genommen und sie versklavt. Sie haben sie als Sklaven in ihre Häuser gesteckt, um ihrem eher ungebildeten Volk gehobene Bildung beibringen zu lassen.
  28. Aus dem Nichts ist eher eine falsche Übersetzung. Sie erweckt den Eindruck, als würde hier  das Nichts als eigenständige Seinsqualität hypostatisiert. Das ist hier sicher nicht gemeint. Hier ist nur gemeint: Da war nichts. Nicht: Da war das Nichts.
  29. Diese Formulierung findet sich zuerst bei Bischof Theophilus von Antiochien um 180 in direkter Auseinandersetzung mit griechischen Naturphilosophen.
  30. Katholisch – griechisch: katholikos bedeutet allgemeingültig, gültig für die ganze Welt. Katholische Kirche also ist die Kirche, die uneingeschränkten Anspruch auf die ganze Welt erhebt.